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Fluss: die Lippe und ihre Aue

Die Lippe ist mit rund 220 Kilometern Länge einer der be­deutends­ten Flüsse Nordrhein-West­falens. Sie ist ein rechter Neben­fluss des Rheins mit einem Einzugs­gebiet von fast 4.900 Quadrat­kilo­metern. Ihr Weg führt von Bad Lippspringe im Osten durch Paderborn, Lippstadt, Lippetal, Hamm, Werne, Lünen, Waltrop, Datteln, Olfen, Haltern am See und Dorsten, bis sie schließ­lich südwest­lich von Wesel in den Rhein mündet. Dabei über­windet sie ein Gefälle von nur 123 Metern - sie ist ein ruhiger, gemäch­lich dahin­fließen­der Tief­land­fluss, der den­noch eine außer­ordent­lich reiche Ge­schich­te und Ökologie in sich trägt.


Karstquelle in Bad Lippspringe

Das Wort „Karst“ bezeichnet eine beson­dere geo­logische Land­schafts­form, die ent­steht, wenn Wasser über Jahr­tausende lös­li­ches Gestein - meist Kalk­stein - durch­sickert und dabei ein unter­irdisches Netz aus Hohl­räumen, Klüften und Gängen schafft. Regen­wasser ver­sickert in der Erd­oberfläche, fließt un­sicht­bar durch dieses Kluft­gestein und tritt andern­orts plötz­lich und oft sehr kraft­voll wieder zutage. Eine solche Stelle, an der Grund­wasser auf diese Weise an die Ober­fläche drängt, nennt man Karst­quelle.

Die Lippequelle ist eine solche Karstquelle in Bad Lippspringe im Kreis Paderborn. Der Quell­teich be­findet sich am Süd­west­rand des Arminius­parks, an den west­li­chen Aus­läufern des Egge-Gebirges, unmittel­bar unter­halb der Ruine der Burg Lippspringe, auf einer Höhe von 140 Metern über dem Meeres­spiegel. Das Wasser tritt aus etwa acht Metern Tiefe zutage. Es stammt weit­gehend aus Ver­sicke­run­gen von Fließ­gewässern wie der Beke und der Durbeke sowie aus Nieder­schlägen, die im südöst­lich ge­legenen Karst­gebiet im Kalk­stein ver­sickern.

Mit einer Schüttung von etwa 740 Litern pro Sekunde zählt die Lippe­quelle zu den stärks­ten schütten­den Fluss­quellen in Deutsch­land. Der tief­blaue Quell­teich trägt im Volks­mund den Namen „Odins Auge“. Der Sage nach soll der germani­sche Götter­vater Odin sein Auge in die trockene Senne­land­schaft ge­worfen haben, um sie mit Feuchtig­keit und blühen­dem Leben zu segnen.

Ein historisches Zeugnis der Bedeu­tung dieser Quellen ist die Über­lieferung, dass Karl der Große im 8. Jahr­hun­dert (776, 780 und 782) mit seinem Heer an den „Quellen der Lippe“ lagerte, um hier Reichs­versamm­lun­gen ab­zuhalten.


Die Pader - ein rekordverdächtiger Zufluss

Kaum hat die Lippe Bad Lippspringe verlassen und sich in südwest­li­cher Rich­tung nach Paderborn ge­wendet, erhält sie dort einen der bem­erkens­wertes­ten Zuflüsse Deutsch­lands: die Pader. Die Pader ent­springt im Herzen Paderborns aus über 200 Quellen. Nach nur 4,6 km mündet sie im Stadt­teil Schloss Neuhaus in die Lippe - und ist damit der kürzeste Fluss Deutsch­lands.

Auch die Pader ist eine Karstquelle. Regenwasser ver­sickert in den Kalk­stein-Schichten der um­liegen­den Hoch­fläche und sammelt sich unter einer wasser­undurch­lässi­gen Gesteins­schicht. Entlang natür­li­cher Bruch­linien wird es schließ­lich an der Gelände­kante zur Innen­stadt wieder an die Ober­fläche ge­drückt. Die unter­irdische Fließ­geschwindig­keit ist dabei mit 200 bis 400 Metern pro Stunde sehr hoch: Nieder­schläge können bereits nach zwei bis vier Tagen in den Pader­quellen wieder zutage treten.

Die Paderquellen schütten zusammen 3.000 bis 9.000 Liter Wasser pro Sekunde und stellen damit nach der Aach­quelle in Baden-Württem­berg das größte Quell­gebiet Deutsch­lands dar. Die größ­ten Quell­arme ent­springen in sechs um­mauerten Becken in der Innen­stadt. Beson­ders be­kannt sind die Börnepader, die Dammpader, die Warme Pader (die mit rund 15 Grad Celsius deut­lich wärmer als die ande­ren Quell­arme ist und kein Karst­gewässer dar­stellt), die Dielenpader, die Rothobornpader sowie die Maspernpader. Der Name „Pader“ selbst ist etymolo­gisch nicht ein­deutig zu klären; die Erklärungs­versuche reichen von „bada“ für Wasser bis zu „padus“ für Pfad oder Ort, an dem viele Wege zusammen­laufen.

Am Zusammenfluss von Lippe und Pader in Schloss Neuhaus führt die Pader im Ver­hältnis zur Lippe etwa die drei­fache Wasser­menge. Die Lippe ge­hört damit zu jenen Fluss­systemen, bei denen der nament­liche Quellast hydrolo­gisch nicht der Haupt­strang ist - das eigent­liche Wasser kommt von den Neben­flüssen.


Die ursprüngliche Naturlandschaft

Ursprünglich war die Lippe durch Mäander und Alt­wässer sowie durch Sand- und Kies­bänke ge­kenn­zeich­net. Der Fluss war ständig in Be­wegung. Hoch­wasser ver­änder­ten sein Aus­sehen und seinen Lauf. Die Natur­land­schaft der Aue bestand aus Au- und Bruch­wäldern, Röhrichten, Hoch­stauden­fluren, sumpfigen und gras­reichen Bereichen - ein typischer Tief­land­fluss.

Auf den nach der letzten Eiszeit abgelagerten minerali­schen sand- und schotter­geprägten Böden ent­wickel­ten sich in der Lippe­aue dichte Au­wälder. Zwischen 900 und 500 v. Chr. wander­ten Getreide­bauern und Vieh­züchter nach West­falen, die nach und nach die Wälder auf­lichte­ten. Zur Zeit des Heide­bauerntums wurde die Lippe­aue nörd­lich und süd­lich durch große Heide­flächen mit einge­streu­ten Dünen ein­gerahmt, ent­standen durch inten­sive Schaf- und Ziegen­beweidung sowie durch die Ge­winnung von Plaggen als Stall­einstreu und Dünger.


Vorgeschichte, Römer und Mittelalter

Bereits in der Altsteinzeit war die Gegend um Lippe und Pader be­siedelt - der Wasser­reichtum beider Quell­gebiete machte die Region früh attrak­tiv für mensch­liche Sied­lungen. Durch Boden­funde wurde nach­gewie­sen, dass die Besied­lung bis an die süd­liche Terrassen­kante der Lippe reichte.

Der Name der Lippe ist seit der Antike in der lateini­schen Form *Lupia* über­liefert, bezeugt von Autoren wie Strabon, Tacitus und Cassius Dio. Die Römer er­kann­ten die strate­gische Bedeu­tung des Flusses sofort. Entlang der Lippe wurden mehrere Legionärs­lager er­richtet, so in Holsterhausen, Haltern, Oberaden und Anreppen. Die Lippe war damit keine bloße Natur­erscheinung, sondern eine Heer­straße aus Wasser, die das Imperium tief ins germani­sche Gebiet trug.

Im Mittelalter wurde die Lippe zur poli­ti­schen Grenze und zum wirt­schaft­li­chen Lebens­nerv zugleich. Die ältes­ten Überliefe­run­gen für Hoch­wasser an der Lippe stammen aus dem 14. Jahr­hun­dert, und Städte wie Hamm, die zwi­schen Lippe und Ahse lagen, waren zwar vor Feinden gut ge­schützt, dem Wasser aber umso mehr aus­gesetzt.


Schifffahrt und Flussausbau

In späterer Zeit konnte sich die Lippe­schiff­fahrt nicht recht ent­wickeln, da zahl­reiche Schiff­mühlen, Sandbänke und Zoll­schranken sie be­hinder­ten. Als jedoch 1815 mit dem An­schluss West­falens an Preußen die Lippe auf ihrer ge­samten Länge preußisch wurde, konnten Pläne zur Schiffbar­machung reali­siert werden. Der Fluss war ab 1826 durch­gängig bis Lippstadt schiff­bar, und trans­por­tiert wurden insbeson­dere Salz, Getreide, Eisen­erz, Steine und Holz.

Durch den Bau des Datteln-Hamm-Kanals und des parallel zur Lippe verlaufenden Wesel-Datteln-Kanals sowie den Erfolg der Eisen­bahn verlor die Lippe­schiff­fahrt schnell an Be­deutung.


Industriezeitalter und ökologischer Niedergang

Mit dem 19. und 20. Jahrhundert begann die gravierends­te Verände­rung in der Ge­schich­te des Flusses. Seit dem späten Mittel­alter bereits wurde der Fluss reguliert und be­gradigt, seine Ufer be­festigt und einge­deicht. Infolge­dessen schnitt sich die Lippe ungewöhn­lich tief in die Land­schaft ein, da ihr die natür­liche Ent­wicklungs­möglich­keit in die Breite ge­nommen wurde.

Im Zuge der Intensivierung der Landwirt­schaft wurde der Lauf der Lippe allein zwi­schen Sande und Anreppen in den letz­ten knapp 200 Jah­ren um rund die Hälfte auf nur noch 5.750 Meter redu­ziert.

Der von der Ruhr nach Norden gewanderte Bergbau prägt die Lippe bis heute. Durch bergbau­bedingte Gelände­senkungen müssen et­liche Neben­läufe über Pump­werke ge­hoben werden. Die Sümpfungs­wässer aus dem Steinkohle-Tagebau er­höhten die Salz­konzentra­tio­nen zwi­schen Dorsten und Hamm, und durch Ein­lei­tung von Kühl­wässern aus Kraft­werken ver­änder­te sich der Temperatur­haushalt des Flusses.

1975 war die Wasserqualität vor allem im Bereich Hamm auf ein histo­risches Tief ge­sunken. Die Auen waren nahezu trocken­gelegt, industri­elle und kommunale Ab­wässer sowie Gruben­wasser und Kühl­wasser raub­ten der Lippe die letzte Natür­lich­keit.


Wasserpflanzen und Wassertiere - das Leben im und am Fluss

Mit der Renaturierung kehrte auch das ökolo­gische Leben zurück. Die Lippe be­herbergt heute eine be­merkens­werte Vielfalt an Wasser­pflanzen und Wasser­tieren, die charakte­ris­tisch für einen natur­nahen Tiefland­fluss sind.

Bei den Wasserpflanzen haben sich in re­naturier­ten Ab­schnit­ten arten­reiche Be­stände ent­wickelt. Teils dichte Be­stände aus Blauem und Rotem Wasser­ehrenpreis, Kammlaich­kraut, Aufrechtem Merk, Flutendem Schwaden, Pfeil­kraut und dem in NRW gefährde­ten Flutenden Wasser­hahnenfuß kommen wieder vor. Brunnen­kresse, verschie­dene Ehrenpreis-Arten, Flutender Wasser­hahnenfuß und Quell­moose profi­tieren von den nicht zu kalten Wasser­temperatu­ren des Flusses und sind sogar über den Winter hinweg grün und aktiv. Diese Pflanzen sind nicht nur ästhe­tisch bedeut­sam - sie bilden die Grund­lage des aqua­ti­schen Nahrungs­netzes und bieten Lebens­raum und Schutz für un­zählige Klein­tiere.

Bei den Fischen zeigt sich der Erfolg der Re­naturie­rung beson­ders ein­drück­lich. An vier Probe­strecken wurden 2019 über 6.000 Fische ge­fangen und wieder frei­gelassen, vertre­ten durch 31 Fisch­arten von den 48 insge­samt in der Lippe vor­kommen­den Arten. Die Bestände von Bach­forelle, Äsche, Koppe und weiteren sensi­blen Arten haben sich seit der Renaturie­rung stetig ver­bessert. Empfind­liche Wander­fische wie Nordsee­schnäpel, Meer­forelle und Neun­auge sind zurück­gekehrt. Im Unter­lauf bei Wesel finden sich zudem kräfti­ge Barben, Aland, Brassen, Döbel und Zander; aus dem Rhein wandern ge­legent­lich sogar Waller in den Fluss ein.

Neben den Fischen sind weitere wirbellose Wasser­tiere von großer ökologi­scher Be­deutung. Im Ober­lauf kommen seltene Arten wie die Gemeine Fluss­muschel sowie die Klein­libelle Helm-Azurjungfer vor, deren Popula­tion an der Lippe eine der größ­ten in NRW dar­stellt. Die Libelle legt ihre Eier be­vorzugt in den Sprossen des Aufrechten Merks ab.

Als herausragendes Säugetier ist der Biber zurück­gekehrt. Inzwi­schen ist er an vielen Ab­schnit­ten der Lippe an­zutref­fen. Mit seinen Bau­tätig­kei­ten am Fluss­ufer und seinen Baumfäl­lun­gen trägt er maßgeb­lich zur Dynamik des Flusses bei. Das ent­stehende Tot­holz schafft flache Bereiche und tiefe Kolke, die Lebens­raum für Jungfisch­schwärme und wirbel­lose Tiere bieten.

Auch die Vogelwelt der Lippeaue ist bemerkens­wert: Weiß­störche nutzen die extensiv be­weideten Auen­wiesen als Nahrungs­fläche, Schwarz­störche jagen im Fluss selbst, Fluss­regen­pfeifer brüten auf Kies­bänken, und seit 2003 weiden polni­sche Konik­pferde in der Lippe­aue - Nach­fahren der europäi­schen Wild­pferde - und schaffen ge­mein­sam mit Rindern ein Mosaik unter­schied­li­cher Wiesen- und Weide­rasen als ideale Lebens­räume für Storch und Co.


Renaturie­rung und Ausblick

Seit Anfang der 1990er Jahre wurden im so­genann­ten Lippe­auen­programm die fach­li­chen Grund­lagen für eine natur­nahe Entwick­lung der Lippe er­arbeitet. Hinter­grund war die Ein­sicht, dass die Lippe in NRW der einzige große Fluss ist, der noch von der Quelle bis zur Mündung als Natur­fluss ent­wickelt werden könnte.

In den Jahren 2005 bis 2015 hat der Lippe­verband ge­mein­sam mit der Stadt Hamm das „LIFE-Projekt Lippe­aue“ umge­setzt. Es zeigte sich, dass viele Fisch­arten sehr schnell auf die Verbesse­run­gen reagier­ten - bereits im ersten Sommer nach den Bau­maßnahmen tauch­ten Äschen auf, die vorher fehlten, und Schmerlen kamen fünf­mal häufi­ger vor als in der be­gradig­ten Lippe.

2018 wurde die Lippe als Flussland­schaft des Jahres 2018/19 aus­gezeich­net - eine Würdi­gung sowohl ihrer ökolo­gi­schen Bedeu­tung als auch des langen Weges, den Fluss, Mensch und Natur ge­mein­sam zurück­gelegt haben. Die Ge­schich­te der Lippe ist, in gewissem Sinne, die Ge­schich­te des mensch­li­chen Ver­hält­nisses zur Natur: Nutzung, Zerstö­rung und - wenn auch spät und mühsam - Wieder­herstel­lung.

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