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Die historische Entwicklung Westfalens

Die Geschichte Westfalens ist eine Erfolgs­geschichte - nicht weil es keine Rück­schläge, Krisen oder Probleme ge­geben hätte, sondern weil die Region immer wieder die Kraft zur Erneue­rung fand. Von den germani­schen Stämmen über die hansea­ti­schen Kaufleute, vom Westfäli­schen Frieden über die Indus­trialisie­rung bis zum moder­nen Struktur­wandel zeigt sich ein konstan­tes Muster: Westfalen be­wältigt Heraus­forde­run­gen durch pragma­ti­sches Handeln, gemein­schaft­liche Anstren­gung und Offen­heit für Neues.

Naturräumliche Grundlagen und frühe Besiedlung

Westfalen verdankt seinen historischen Auf­stieg zunächst einer außer­gewöhn­lich günstigen naturräum­li­chen Ausstattung. Die Land­schaft zwi­schen Weser und Rhein, zwi­schen Teutoburger Wald und Sauerland, präsen­tiert sich als ein reiches Mosaik frucht­barer Ebenen, sanfter Hügelland­schaf­ten und dichter Wald­gebiete. Die Westfä­lische Bucht mit ihren ertragreichen Lössböden bildete seit jeher eine der landwirt­schaft­lich produktivsten Regionen Mitteleuropas. Gleichzeitig verfügte das Gebiet über einen außergewöhn­li­chen Reichtum an Bodenschätzen, der die wirt­schaft­liche Entwick­lung über Jahr­hun­derte prägen sollte.

Bereits in prähistorischer Zeit wurde das Salz zu einem Schlüssel­faktor der Besied­lung. Die Sole­quellen bei Soest, Sassendorf und Salzkotten mach­ten diese Orte zu frühen Zentren mensch­li­cher Aktivi­tät. Salz war nicht nur lebens­notwen­dig für die Konser­vie­rung von Nahrungs­mitteln, sondern ent­wickel­te sich zum "weißen Gold" des Mittel­alters, das weit­reichen­den Handel er­möglich­te. Unter der Oberf­läche lagerten zudem gewaltige Kohlevorräte, die zunächst ungenutzt blieben, später aber zur Grundlage einer der bedeutendsten Industrieregionen Europas werden sollten.

Die ausgedehnten Wälder Westfalens liefer­ten nicht nur Holz für Bau und Heizung, sondern auch Holzkohle für frühe metall­verarbei­tende Betriebe. Die Kombina­tion aus Eisenerz im Siegerland und den süd­li­chen Mittel­gebirgen mit den Wäldern des Sauerlandes schuf ideale Voraus­set­zun­gen für eine frühe Eisen-Indus­trie. Die zahl­reichen Wasser­läufe boten Energie für Mühlen und später für erste mechani­sierte Produk­tions­stätten.

Germanische Eini­gung und römische Grenzerfahrung

Die Geschichte Westfalens als kultureller und poli­ti­scher Raum begann sich zu formen, als die germani­schen Stämme der Region im Kampf gegen die römische Expansion zusammen­fanden. Die Cherusker, Brukterer, Marser und andere Stammes­verbände be­wohnten das west­fälische Gebiet und ent­wickelten im An­gesicht der römischen Bedrohung ein erstes gemein­sames Bewusst­sein. Die legendäre Schlacht im Teuto­burger Wald im Jahre 9 nach Christus, in der Arminius die römischen Legionen des Varus vernichtend schlug, markiert einen Wendepunkt europäischer Geschichte.

Diese frühe Erfahrung gemeinsamen Wider­stands gegen eine über­mächtige Zentral­gewalt prägte möglicherweise das west­fälische Selbst­verständ­nis über Jahr­hun­derte hinweg. Die Region blieb germanisch, während weiter süd­lich und west­lich die Romanisie­rung Fuß fasste. Das Bewusst­sein eige­ner Stärke und die Fähig­keit zur Koopera­tion verschiedener Gemein­schaften gegen äußere Be­drohungen sollten zu wieder­kehrenden Mustern westfäli­scher Geschichte werden.

Das christ­liche Westfalen und die karolingische Ordnung

Mit der Christianisierung durch Karl den Großen ab dem späten 8. Jahr­hun­dert begann eine neue Epoche. Die Sachsen­kriege waren zwar brutal und lang­wierig, führten aber letzt­lich zur Integra­tion West­falens ins fränkische Reich und zur Etablie­rung einer kirch­li­chen Infra­struktur, die kultu­rell und wirt­schaft­lich von großer Bedeu­tung war. Die Gründung der Bistümer Münster, Paderborn und Minden schuf geist­liche Zentren, die zu Trägern von Bildung, Verwal­tung und wirt­schaft­li­cher Organisa­tion wurden.

Die karolingische Ordnung brachte West­falen Frieden und ermög­lichte eine erste Blütezeit. Klöster wie Corvey ent­wickel­ten sich zu Zentren der Gelehrsam­keit und des Hand­werks. Die Region wurde Teil eines größeren kultu­rellen und wirt­schaft­li­chen Raumes, ohne ihre Eigen­ständig­keit zu verlieren.

Die Stadtgründungsphase des Hochmittelalters

Das 11. bis 13. Jahrhun­dert markiert eine der dynamischs­ten Phasen westfä­lischer Geschichte: die große Stadt­gründungs­welle. In einer be­merkens­werten Entwick­lung ent­standen inner­halb weniger Genera­tio­nen zahl­reiche Städte, die das Gesicht der Region bis heute prägen. Dortmund, Soest, Münster, Paderborn, Osnabrück, Bielefeld, Minden und viele andere er­hielten Stadt­rechte und ent­wickel­ten sich zu Zentren von Handel, Handwerk und Verwaltung.

Soest entwickelte sich im 12. und 13. Jahr­hun­dert zu einer der bedeu­tends­ten Städte des gesamten deut­schen Raums. Die Stadt profitier­te von ihrer Lage an wichti­gen Handels­straßen, von den Salz­quellen und von einem bemerkens­werten städ­ti­schen Selbst­bewusst­sein, das sich im eige­nen Stadt­recht, der „Soester Börde“, manifes­tierte. Dortmund wuchs zur wichtigs­ten Stadt am Hellweg heran, jener alten Handels­straße, die seit prähisto­rischer Zeit West und Ost ver­band.

Diese Städte waren keine königli­chen oder fürst­li­chen Gründungen von oben, sondern oft Ergebnis bürger­li­cher Initiative und wirt­schaft­li­cher Dynamik. Die Bürger er­kämpf­ten sich Frei­hei­ten und Selbst­verwaltungs­rechte, die für die damalige Zeit außer­gewöhn­lich waren. Das Prinzip „Stadtluft macht frei“ galt in West­falen in beson­de­rem Maße. Nach einem Jahr und einem Tag in der Stadt war ein ehema­liger Leib­eigener frei - ein revolu­tio­närer Gedanke im feuda­len Mittel­alter.

Westfälische Kaufleute und die Hanse

Die wirtschaftliche Dynamik der westfäli­schen Städte führte im 13. und 14. Jahr­hun­dert zur Integra­tion in eines der erfolg­reichs­ten Wirt­schafts­netzwerke des Mittel­alters: die Hanse. Westfäli­sche Kauf­leute gehörten zu den treiben­den Kräften dieser Städte­verbin­dung, die den Handel von Russ­land bis England, von Skandina­vien bis Flandern organi­sierte.

Dortmund entwickelte sich zu einem der wichtigs­ten Hanse­städte über­haupt und war führen­des Mitglied der west­fälischen Städte­gruppe inner­halb der Hanse. Die Stadt organi­sierte regel­mäßig Hanse­tage und spielte eine zentrale Rolle in der Verwal­tung des Bundes. Soest, Münster, Osnabrück und andere westfä­lische Städte waren eben­falls aktive Hanse-Mitglieder. Westfäli­sche Kauf­leute unter­hielten Kontore in Bergen, London, Nowgorod und Brügge.

Der Handel mit Tuchen, Salz, Getreide, Bier und später auch mit Metall­waren machte westfäli­sche Kauf­leute wohl­habend. Sie ent­wickelten sophisticated Handels­techniken, Kredit­instrumente und Buch­haltungs­methoden. Das westfäli­sche Pfund wurde zu einer an­erkann­ten Währung. Die Kaufleute investier­ten ihre Gewinne nicht nur in präch­tigen Stadt­häusern und Kirchen - die go­ti­schen Dome von Münster, Soest und Paderborn zeugen noch heute von diesem Reich­tum -, sondern auch in Infra­struktur und Bildung.

Die Hanse war mehr als ein Wirt­schaftsbund; sie war auch eine poli­tische und kultu­relle Kraft. Die west­fälischen Städte lernten, ihre Interessen gemein­sam zu vertreten, Konflikte fried­lich zu lösen und über Grenzen hinweg zu kooperie­ren. Diese Erfah­rung kollek­tiver Interessen­vertre­tung und fried­li­cher Konflikt­lösung sollte später im West­fäli­schen Frieden noch einmal zum Tragen kommen.

Der Westfälische Frieden: Westfalen als Friedensstifter Europas

Nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges, der Deutsch­land zwi­schen 1618 und 1648 verwüstete, wurde ausge­rechnet Westfalen zum Schau­platz der Friedens­verhand­lungen, die diesem Jahr­hun­dert der Katastro­phen ein Ende setz­ten. In Münster und Osnabrück ver­sammel­ten sich die Gesand­ten aller europäi­schen Mächte zu einem der ersten großen inter­natio­nalen Friedens­kongresse der Ge­schichte.

Die Wahl Westfalens war kein Zufall. Die Region galt als relativ neutral, war aber gleich­zeitig gut erreich­bar und verfügte mit Münster und Osnabrück über Städte mit aus­reichender Infra­struk­tur und Erfah­rung in diploma­ti­schen An­gelegen­heiten. Dass die Verhand­lun­gen in zwei Städten parallel ge­führt wurden - in Münster zwi­schen dem Kaiser und Frankreich, in Osnabrück zwi­schen dem Kaiser und Schweden -, zeugt von der Komplexi­tät der Verhand­lun­gen und der Bedeu­tung der Region.

Der 1648 geschlossene Westfälische Frieden war ein Meilen­stein der europäi­schen Geschichte. Er be­endete nicht nur den Dreißig­jähri­gen Krieg, sondern etablier­te Prinzi­pien, die die inter­natio­nale Poli­tik bis heute prägen: staat­liche Souveräni­tät, recht­liche Gleich­heit der Staaten, religiöse Toleranz und die fried­liche Beile­gung von Konflik­ten durch Ver­hand­lung. Der Begriff „Westfä­li­sche Ordnung“ steht in der Poli­tikwissen­schaft bis heute für das moder­ne System souverä­ner Staaten.

Für Westfalen selbst bedeutete der Frieden zunächst das Ende der Kriegs­zerstö­run­gen und den Beginn des Wieder­aufbaus. Lang­fristig aber etablier­te er die Region als Symbol für Friedens­willen und diploma­ti­sches Ge­schick - ein Erbe, auf das West­falen bis heute stolz sein kann.

Aufklä­rung und Reformzeit

Das 18. Jahrhundert brachte neue Impulse. Unter der preußischen Herr­schaft, die weite Teile Westfalens nach dem Wiener Kongress 1815 umfasste, setzte eine Phase plan­voller Modernisie­rung ein. Freiherr vom Stein, selbst Westfale aus Nassau, trieb als preußi­scher Reformer die Bauern­befreiung und die Städte­reform voran. Die Ab­schaffung der Leib­eigen­schaft und die Einfüh­rung der Gewerbe­frei­heit schufen die Voraus­set­zun­gen für die kommen­de wirt­schaft­liche Trans­forma­tion.

Die westfälische Aufklä­rung hatte ihre eigenen, oft pragma­ti­schen Züge. Sie manifes­tierte sich weniger in philoso­phischen Salons als in prak­ti­schen Ver­besse­rungen: bessere Schulen, moder­ne Landwirt­schaft, effizien­tere Ver­waltung. Die Universi­täts­gründung in Münster 1780 (zunächst als Akademie, später als Universi­tät wieder­begrün­det) schuf ein Zentrum der Wissen­schaft.

Die industrielle Revolution: Westfalens größte Transformation

Die Industrialisierung des 19. Jahr­hun­derts veränderte West­falen radikaler als jedes Ereignis zuvor. Der Schlüssel dazu lag in den gewalti­gen Kohle­vorkommen des Ruhr­gebiets und an­grenzen­der Gebiete. Was zunächst im 18. Jahr­hun­dert mit kleinen Zechen be­gann, ent­wickel­te sich im 19. Jahr­hun­dert zu einer indus­triel­len Revolu­tion von welt­histo­rischer Be­deutung.

Die Entdeckung und systematische Ausbeu­tung der Kohle­flöze schuf die Energie­basis für eine um­fassende Indus­triali­sierung. Friedrich Harkort gründete 1819 in Wetter an der Ruhr eine der ersten Maschinen­fabriken Deutsch­lands. Die Familie Krupp baute in Essen ein Stahl­imperium auf, das zu den größ­ten Industrie­unter­nehmen der Welt werden sollte. In Dortmund ent­standen gewal­tige Stahl­werke und Braue­reien. Bochum ent­wickel­te sich zum Zentrum des Berg­baus.

Aber die Industrialisierung beschränkte sich nicht auf das Ruhr­gebiet. In Bielefeld ent­stand eine bedeu­tende Textil-Industrie, Hagen wurde zum Zentrum der Stahl­verarbei­tung, im Sauerland ent­wickel­te sich eine speziali­sierte Metall­industrie. Die west­fälische Wirt­schaft diversi­fi­zierte sich: Maschinen­bau, Chemie, Elektro­technik ent­standen neben der Schwer­industrie.

Die Infrastruktur wurde revolu­tioniert. 1847 erreichte die Eisen­bahn das Ruhr­gebiet, in den folgenden Jahr­zehnten ent­stand eines der dichtes­ten Schienen­netze Europas. Kanäle wie der Dortmund-Ems-Kanal ver­banden das Industrie­revier mit den See­häfen. Westfalen wurde zum Verkehrs­knoten­punkt Deutsch­lands.

Urbanisie­rung und neue Stadtland­schaften

Die Industrialisierung löste eine beispiellose Urbanisie­rung aus. Dörfer wurden zu Städten, Städte zu Groß­städten, Groß­städte wuchsen zu Metropo­len. Die Be­völke­rung Dortmunds explo­dierte von etwa 10.000 Ein­wohnern im Jahr 1800 auf über 500.000 im Jahr 1930. Ähn­liche Entwick­lun­gen gab es in Bochum, Gelsen­kirchen, Herne und anderen Ruhr­gebiets­städten.

Diese rasante Urbanisie­rung stellte gewaltige Herausforde­run­gen dar: Wohnungs­not, sanitäre Probleme, soziale Spannun­gen. Die Ant­wort darauf war be­merkens­wert: Westfäli­sche Städte ent­wickel­ten sich zu Laborato­rien moder­ner Stadt­planung. Grüngürtel wurden ange­legt, Parks ge­schaffen, kommunale Wohnungs­baugesell­schaften ge­gründet. Der Gedanke der "Garten­stadt" fand in West­falen frucht­baren Boden.

Industrielle wie Krupp bauten Arbeitersied­lungen, die für damalige Verhältnisse vorbild­lich waren - mit Gärten, Schulen, Kranken­häusern. Die Margarethen­höhe in Essen oder die Sied­lung Teutoburgia in Herne wurden zu Modellen moder­nen Wohnungs­baus. Hier zeigte sich ein spezifisch westfäli­scher Pragma­tismus: Probleme wurden nicht ideolo­gisch disku­tiert, sondern prak­tisch ge­löst.

Pioniere des Sozialstaats

Die Industrialisierung brachte nicht nur wirt­schaft­li­chen Fortschritt, sondern auch soziale Fragen. Die Arbeiter­bewe­gung ent­stand, Gewerk­schaften organi­sierten sich, soziale Konflik­te brachen auf. Westfalen wurde zum Schau­platz dieser Aus­einanderset­zun­gen - aber auch zum Geburts­ort weg­weisender Lösungen.

Die sozialdemokratische Bewe­gung fand in den westfälischen Industrie­städten frucht­baren Boden. Gleich­zeitig ent­wickelte sich eine starke katholi­sche Sozial­bewegung, die christ­liche Werte mit sozia­ler Reform ver­band. Beide Strö­mun­gen trugen dazu bei, dass Deutsch­land im späten 19. Jahr­hun­dert unter Bismarck die weltweit ersten Sozial­versiche­run­gen einführte.

Westfälische Unternehmer erkannten früh, dass soziale Sicher­heit und wirt­schaft­li­cher Erfolg zusammengehören. Betriebs­kranken­kassen, Unfall­versicherungen, Alters­versor­gung - vieles wurde in westfäli­schen Betrieben er­probt, bevor es gesetz­lich verankert wurde. Das Prinzip der Mit­bestim­mung, das heute die deut­sche Wirt­schaft prägt, hat seine Wurzeln auch in west­fäli­schen Bergbau- und Stahl­betrieben.

Westfalen und sein agrarisches Hinterland

Bei aller Konzentration auf Industrie und Städte darf nicht vergessen werden, dass weite Teile Westfalens länd­lich geprägt blieben und eine hoch­produktive Landwirt­schaft ent­wickelten. Das Münsterland, die Soester Börde, das Pader­borner Land blieben agrarisch ge­prägt und ver­sorgten die wachsenden Industrie­städte mit Nahrungs­mitteln.

Diese Symbiose zwischen industriel­lem Ruhr­gebiet und agrari­schem Umland war ein Erfolgs­faktor. Die Bauern fanden sichere Absatz­märkte, die Städte verläss­liche Ver­sorgung. Der tech­nische Fort­schritt machte auch vor der Landwirt­schaft nicht halt: Mechani­sie­rung, Düngung, Züch­tung steiger­ten die Erträge erheblich. Westfäli­sche Bauern galten als innova­tiv und geschäfts­tüchtig.

Die landwirtschaft­li­chen Genossen­schaften, die sich im 19. Jahr­hun­dert bilde­ten, waren Beispiele erfolg­reicher Selbst­organisa­tion. Sie ermög­lich­ten gemein­samen Einkauf, Vermark­tung und gegen­seitige Unter­stüt­zung. Raiffeisen-Genossen­schaften und Volksbanken, die in länd­li­chen Regionen ent­standen, wurden zu tragenden Säulen der regio­nalen Wirt­schaft.

Bis heute profitiert Westfalen von dieser Balance zwi­schen Stadt und Land. Die kurzen Wege zwi­schen urbanen Zentren und länd­li­chen Erholungs­gebieten, zwi­schen Industrie und Natur, sind ein Qualität­smerkmal der Region.

Das 20. Jahrhundert: Krisen und Erneuerung

Das 20. Jahrhundert brachte auch für Westfalen drama­tische Ein­schnitte. Die beiden Welt­kriege hinter­ließen tiefe Wunden. Die Industrie­region wurde im Zweiten Welt­krieg massiv bombar­diert, Städte wie Dortmund, Bochum und Essen zu großen Teilen zer­stört. Doch die Wieder­aufbauleis­tung war be­eindruckend. Mit erstaun­li­cher Energie wurde nicht nur wieder­aufge­baut, sondern moderni­siert und ver­bessert.

Die Nachkriegsjahrzehnte brachten das "Wirt­schaftswunder", an dem Westfalen maßgeb­lich be­teiligt war. Die Schwer­industrie boomte, neue Branchen ent­standen. Doch bereits in den 1960er Jahren zeich­nete sich ab, dass die Kohle- und Stahl­industrie in eine Krise geraten würde. Der Struktur­wandel, der in den 1970er und 1980er Jah­ren das Ruhr­gebiet er­fasste, war schmerzhaft. Zechen schlossen, Stahl­werke wurden still­gelegt, Arbeits­plätze gingen ver­loren.

Doch wieder bewies Westfalen seine Anpassungs­fähigkeit. Der Struktur­wandel wurde aktiv gestaltet. Still­gelegte Industrie­anlagen wurden zu Kultur­stätten umge­nutzt - die Zeche Zoll­verein in Essen ist heute UNESCO-Weltkultur­erbe. Universi­täten wurden ge­gründet oder aus­gebaut: die Ruhr-Universi­tät Bochum (1962), die Tech­nische Universi­tät Dortmund, die Universi­tät Duisburg-Essen. Aus der Industrie­region wurde eine Wissens­region.

Neue Industrien siedelten sich an: Mikro­elektronik, Informa­tions­technologie, Logistik, Dienst­leistun­gen. Dortmund ent­wickelte sich zum Logistik­zentrum, Bochum zum Stand­ort der Automobil-Industrie (Opel), Bielefeld blieb Zentrum der Lebensmittel- und Textil-Industrie. Die westfäli­sche Wirt­schaft diversi­fi­zierte sich erfolgreich.

Starke Städte, starke Identitäten

Die westfälischen Städte haben über die Jahr­hun­derte starke eigen­ständige Profile ent­wickelt. Münster, die Haupt­stadt Westfalens, kombi­niert histo­rischen Charme mit universi­tärer Lebendig­keit. Die Stadt gilt als eine der lebens­wertes­ten Deutsch­lands, bekannt für ihre Fahrrad­kultur und ihre hohe Lebens­qualität. Der Prinzipal­markt mit seinen Giebel­häusern und die barocke Residenz sind architek­tonische Juwelen.

Dortmund hat sich von der Stahlstadt zur Tech­nologie- und Dienst­leistungs­metropole ge­wandelt. Die Stadt be­herbergt innova­tive Technologie­unternehmen, Forschungs­einrich­tun­gen und ist durch Borussia Dortmund auch inter­national be­kannt. Die erfolg­reiche Revitalisie­rung der Innen­stadt und die Ent­wick­lung der Phoenix-Areale aus ehemaligen Stahl­werken zeigen exempla­risch gelunge­nen Struktur­wandel.

Paderborn verbindet eine 1200-jährige Geschichte mit moderns­ter Computer­industrie. Bielefeld ist Zentrum erfolg­reicher Mittel­ständler und hat mit seiner Universi­tät ein intellek­tuelles Zentrum. Hamm ent­wickelte sich zum Logistik­knotenpunkt. Jede Stadt hat ihre Beson­derheit, ihre Stärke, ihre Identi­tät.

Kultur der Offen­heit und Demokratie

Westfalen hat eine bemerkenswerte demokra­tische Tradi­tion ent­wickelt. Die mittel­alter­li­chen Stadt­freihei­ten, die hanse­a­tische Tradi­tion der Selbst­verwal­tung, die sozial­demokra­tische und christlich-soziale Bewe­gung - all dies schuf eine Kultur der Beteili­gung und des Kompromis­ses.

Nach 1945 wurde Westfalen Teil des neu gegrün­deten Landes Nordrhein-Westfalen. Diese Ver­bindung von rheini­scher und west­fäli­scher Tradi­tion erwies sich als frucht­bar. Das Land ent­wickelte sich zum bevölke­rungs­reichsten und wirt­schaft­lich stärks­ten Bundes­land Deutsch­lands.

Die westfälische Mentalität - oft als nüchtern, zurück­haltend, aber zu­verläs­sig be­schrie­ben - erwies sich als Demokra­tie-kompati­bel. Das Prinzip „Leben und leben lassen“ schuf Raum für Viel­falt. Die Integra­tion von Millio­nen Zu­wanderern - zunächst aus dem Osten Deutsch­lands, dann aus Süd­europa, später aus der Türkei und anderen Ländern - gelang trotz aller Schwierig­kei­ten bemerkens­wert gut.

Kulturelles Erbe und moderne Kulturlandschaft

Die kulturelle Vielfalt Westfalens ist be­eindruckend. Von mittel­alter­li­chen Kirchen­schätzen über barocke Residen­zen bis zu Industrie­denkmälern reicht das Spek­trum. Die romani­schen Kirchen des Münster­landes, die go­ti­schen Dome, die Wewels­burg, Schloss Corvey - die Liste der histo­rischen Sehens­würdig­kei­ten ist lang.

Gleichzeitig hat sich eine lebendige moder­ne Kulturs­zene ent­wickelt. Die "Ruhr­triennale" macht ehe­malige Industrie­anlagen zu Kultur­stätten. Theater in Bochum, Dortmund und Münster ge­nießen über­regio­nale An­erkennung. Museen wie das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster, das Museum Ostwall in Dortmund oder das Lehmbruck Museum in Duisburg be­wahren und präsen­tieren Kunst auf höchs­tem Niveau.

Die Literaturszene ist lebendig - von der Gruppe 47, die sich nach dem Krieg im Sauerland traf, über zeit­genössi­sche Autoren bis zu den Literatur­festivals in ver­schie­de­nen Städten. Westfalen brachte be­deutende Künstler, Schrift­steller und Denker hervor und zog viele an.

Sport und Gemein­schaft

Der Sport spielt in Westfalen eine beson­dere Rolle. Borussia Dortmund und Schalke 04 sind mehr als Fußball­vereine - sie sind Identi­täts­stifter, soziale Institu­tionen, Symbole ihrer Städte. Das Revier-Derby gehört zu den emotionals­ten Sport­veranstal­tun­gen Europas. Aber auch andere Sport­arten haben Tradi­tion: Handball in Gummersbach, Tisch­tennis in vielen Vereinen, Rad­sport im flachen Münster­land.

Sport schafft Gemeinschaft über soziale Grenzen hinweg. Die Sport­vereine sind Orte der Integra­tion, der Begeg­nung, des Zusammen­halts. Diese Vereins­kultur - tief ver­wurzelt in der west­fäli­schen Gesell­schaft - ist ein wichtiger Kitt der Gemein­schaft.

Innovation und Zukunftsorientierung

Das heutige Westfalen ist innovativ und zukunfts­orientiert. Die Region hat ver­stan­den, dass kontinu­ier­li­cher Wandel not­wendig ist. Exzellenz­cluster an den Universi­täten forschen an Zukunfts­themen: künst­liche Intelli­genz, neue Materialien, nach­haltige Energie, Medizin­technik.

Der Strukturwandel geht weiter: weg von fossilen Brenn­stoffen, hin zu erneuer­baren Energien und Kreis­lauf­wirt­schaft. Ehema­lige Zechen­gelände werden zu Tech­nologie­parks, Stahl­werke zu Zentren der Kreativwirt­schaft. Dortmund hat sich als Zentrum der Mikro­elektro­nik etabliert, Bochum ent­wickelt Kompe­tenzen in der IT-Sicher­heit.

Die Digitalisierung wird aktiv gestaltet. Start-up-Szenen ent­wickeln sich, Gründer­zentren ent­stehen, Netzwerke bilden sich. Die Ver­bindung von indus­triel­lem Know-how mit digita­len Technolo­gien - Industrie 4.0 - findet in West­falen ideale Be­dingun­gen.

Nennenswertes aus Westfalen

Die Liste bedeutender Westfalen ist lang und be­ein­druckend. Annette von Droste-Hülshoff, eine der größten deut­schen Dichterin­nen, stammte aus dem Münster­land. Der Maler Peter Paul Rubens wurde in Siegen ge­boren. Karl Marx studierte in Bonn, Friedrich Engels stammte aus Wuppertal.

In jüngerer Zeit kamen Persönlich­kei­ten wie der Schrift­steller Martin Walser (der lange in West­falen lebte), der Künstler Joseph Beuys (aus Kleve), Sportler wie Franz Beckenbauer oder die Formel-1-Weltmeister aus der Region hinzu. Unter­nehmer wie die Familie Oetker aus Bielefeld, Miele aus Gütersloh oder Bertelsmann aus dem benach­barten Gütersloh präg­ten die Wirt­schaft weit über die Region hinaus.

Wissenschaftler westfäli­scher Universi­täten erhielten Nobel­preise, westfäli­sche Künstler ge­stalte­ten die Kultur­land­schaft. Die Region brachte Bischöfe, Poli­tiker, Erfinder, Sportler hervor - Menschen, die in ihren Berei­chen Außer­gewöhn­li­ches leiste­ten.

Eine Region mit Zukunft

Die Kombination aus reichen natür­li­chen Ressour­cen, günsti­ger geo­grafi­scher Lage, fleißi­gen und innova­tiven Men­schen sowie einer Kultur der Koopera­tion und des Aus­gleichs schuf die Grund­lage für an­halten­den Erfolg. Die Balance zwi­schen Tradi­tion und Moderne, zwi­schen Indus­trie und Natur, zwi­schen urbanen Zentren und länd­li­chen Räumen macht die Lebens­qualität der Region aus.

Auch Westfalen steht heute vor neuen Heraus­forderun­gen: Klimawandel, demogra­fi­scher Wandel, Digitali­sierung, europä­ische Integra­tion. Doch die Ge­schichte lehrt Opti­mismus: Eine Region, die so viele Trans­forma­tio­nen erfolg­reich be­wältigt hat, wird auch die Zukunft ge­stalten können. Die westfä­lische Tradi­tion der pragma­ti­schen Innova­tion, des sozia­len Zusammen­halts und der demokra­ti­schen Kultur bietet beste Voraus­set­zun­gen für eine erfolg­reiche Zukunft.

Westfalen war und ist mehr als eine geo­grafi­sche Region - es ist eine Erfolgs­geschich­te mensch­li­cher Zivili­sation, ein Beispiel dafür, wie natür­liche Ressour­cen, kultu­relle Tradi­tion und mensch­li­cher Ge­stal­tungs­wille zusam­men­wirken können, um Wohl­stand, Kultur und Lebens­quali­tät zu schaffen. Diese posi­tive Ge­schich­te ver­dient es, erzählt, erinnert und fort­geschrie­ben zu werden.


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