Die Geschichte Westfalens ist eine Erfolgsgeschichte - nicht weil es keine Rückschläge, Krisen oder Probleme gegeben hätte, sondern weil die Region immer wieder die Kraft zur Erneuerung fand. Von den germanischen Stämmen über die hanseatischen Kaufleute, vom Westfälischen Frieden über die Industrialisierung bis zum modernen Strukturwandel zeigt sich ein konstantes Muster: Westfalen bewältigt Herausforderungen durch pragmatisches Handeln, gemeinschaftliche Anstrengung und Offenheit für Neues.
Westfalen verdankt seinen historischen Aufstieg zunächst einer außergewöhnlich günstigen naturräumlichen Ausstattung. Die Landschaft zwischen Weser und Rhein, zwischen Teutoburger Wald und Sauerland, präsentiert sich als ein reiches Mosaik fruchtbarer Ebenen, sanfter Hügellandschaften und dichter Waldgebiete. Die Westfälische Bucht mit ihren ertragreichen Lössböden bildete seit jeher eine der landwirtschaftlich produktivsten Regionen Mitteleuropas. Gleichzeitig verfügte das Gebiet über einen außergewöhnlichen Reichtum an Bodenschätzen, der die wirtschaftliche Entwicklung über Jahrhunderte prägen sollte.
Bereits in prähistorischer Zeit wurde das Salz zu einem Schlüsselfaktor der Besiedlung. Die Solequellen bei Soest, Sassendorf und Salzkotten machten diese Orte zu frühen Zentren menschlicher Aktivität. Salz war nicht nur lebensnotwendig für die Konservierung von Nahrungsmitteln, sondern entwickelte sich zum "weißen Gold" des Mittelalters, das weitreichenden Handel ermöglichte. Unter der Oberfläche lagerten zudem gewaltige Kohlevorräte, die zunächst ungenutzt blieben, später aber zur Grundlage einer der bedeutendsten Industrieregionen Europas werden sollten.
Die ausgedehnten Wälder Westfalens lieferten nicht nur Holz für Bau und Heizung, sondern auch Holzkohle für frühe metallverarbeitende Betriebe. Die Kombination aus Eisenerz im Siegerland und den südlichen Mittelgebirgen mit den Wäldern des Sauerlandes schuf ideale Voraussetzungen für eine frühe Eisen-Industrie. Die zahlreichen Wasserläufe boten Energie für Mühlen und später für erste mechanisierte Produktionsstätten.
Die Geschichte Westfalens als kultureller und politischer Raum begann sich zu formen, als die germanischen Stämme der Region im Kampf gegen die römische Expansion zusammenfanden. Die Cherusker, Brukterer, Marser und andere Stammesverbände bewohnten das westfälische Gebiet und entwickelten im Angesicht der römischen Bedrohung ein erstes gemeinsames Bewusstsein. Die legendäre Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 nach Christus, in der Arminius die römischen Legionen des Varus vernichtend schlug, markiert einen Wendepunkt europäischer Geschichte.
Diese frühe Erfahrung gemeinsamen Widerstands gegen eine übermächtige Zentralgewalt prägte möglicherweise das westfälische Selbstverständnis über Jahrhunderte hinweg. Die Region blieb germanisch, während weiter südlich und westlich die Romanisierung Fuß fasste. Das Bewusstsein eigener Stärke und die Fähigkeit zur Kooperation verschiedener Gemeinschaften gegen äußere Bedrohungen sollten zu wiederkehrenden Mustern westfälischer Geschichte werden.
Mit der Christianisierung durch Karl den Großen ab dem späten 8. Jahrhundert begann eine neue Epoche. Die Sachsenkriege waren zwar brutal und langwierig, führten aber letztlich zur Integration Westfalens ins fränkische Reich und zur Etablierung einer kirchlichen Infrastruktur, die kulturell und wirtschaftlich von großer Bedeutung war. Die Gründung der Bistümer Münster, Paderborn und Minden schuf geistliche Zentren, die zu Trägern von Bildung, Verwaltung und wirtschaftlicher Organisation wurden.
Die karolingische Ordnung brachte Westfalen Frieden und ermöglichte eine erste Blütezeit. Klöster wie Corvey entwickelten sich zu Zentren der Gelehrsamkeit und des Handwerks. Die Region wurde Teil eines größeren kulturellen und wirtschaftlichen Raumes, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren.
Das 11. bis 13. Jahrhundert markiert eine der dynamischsten Phasen westfälischer Geschichte: die große Stadtgründungswelle. In einer bemerkenswerten Entwicklung entstanden innerhalb weniger Generationen zahlreiche Städte, die das Gesicht der Region bis heute prägen. Dortmund, Soest, Münster, Paderborn, Osnabrück, Bielefeld, Minden und viele andere erhielten Stadtrechte und entwickelten sich zu Zentren von Handel, Handwerk und Verwaltung.
Soest entwickelte sich im 12. und 13. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten Städte des gesamten deutschen Raums. Die Stadt profitierte von ihrer Lage an wichtigen Handelsstraßen, von den Salzquellen und von einem bemerkenswerten städtischen Selbstbewusstsein, das sich im eigenen Stadtrecht, der „Soester Börde“, manifestierte. Dortmund wuchs zur wichtigsten Stadt am Hellweg heran, jener alten Handelsstraße, die seit prähistorischer Zeit West und Ost verband.
Diese Städte waren keine königlichen oder fürstlichen Gründungen von oben, sondern oft Ergebnis bürgerlicher Initiative und wirtschaftlicher Dynamik. Die Bürger erkämpften sich Freiheiten und Selbstverwaltungsrechte, die für die damalige Zeit außergewöhnlich waren. Das Prinzip „Stadtluft macht frei“ galt in Westfalen in besonderem Maße. Nach einem Jahr und einem Tag in der Stadt war ein ehemaliger Leibeigener frei - ein revolutionärer Gedanke im feudalen Mittelalter.
Die wirtschaftliche Dynamik der westfälischen Städte führte im 13. und 14. Jahrhundert zur Integration in eines der erfolgreichsten Wirtschaftsnetzwerke des Mittelalters: die Hanse. Westfälische Kaufleute gehörten zu den treibenden Kräften dieser Städteverbindung, die den Handel von Russland bis England, von Skandinavien bis Flandern organisierte.
Dortmund entwickelte sich zu einem der wichtigsten Hansestädte überhaupt und war führendes Mitglied der westfälischen Städtegruppe innerhalb der Hanse. Die Stadt organisierte regelmäßig Hansetage und spielte eine zentrale Rolle in der Verwaltung des Bundes. Soest, Münster, Osnabrück und andere westfälische Städte waren ebenfalls aktive Hanse-Mitglieder. Westfälische Kaufleute unterhielten Kontore in Bergen, London, Nowgorod und Brügge.
Der Handel mit Tuchen, Salz, Getreide, Bier und später auch mit Metallwaren machte westfälische Kaufleute wohlhabend. Sie entwickelten sophisticated Handelstechniken, Kreditinstrumente und Buchhaltungsmethoden. Das westfälische Pfund wurde zu einer anerkannten Währung. Die Kaufleute investierten ihre Gewinne nicht nur in prächtigen Stadthäusern und Kirchen - die gotischen Dome von Münster, Soest und Paderborn zeugen noch heute von diesem Reichtum -, sondern auch in Infrastruktur und Bildung.
Die Hanse war mehr als ein Wirtschaftsbund; sie war auch eine politische und kulturelle Kraft. Die westfälischen Städte lernten, ihre Interessen gemeinsam zu vertreten, Konflikte friedlich zu lösen und über Grenzen hinweg zu kooperieren. Diese Erfahrung kollektiver Interessenvertretung und friedlicher Konfliktlösung sollte später im Westfälischen Frieden noch einmal zum Tragen kommen.
Nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges, der Deutschland zwischen 1618 und 1648 verwüstete, wurde ausgerechnet Westfalen zum Schauplatz der Friedensverhandlungen, die diesem Jahrhundert der Katastrophen ein Ende setzten. In Münster und Osnabrück versammelten sich die Gesandten aller europäischen Mächte zu einem der ersten großen internationalen Friedenskongresse der Geschichte.
Die Wahl Westfalens war kein Zufall. Die Region galt als relativ neutral, war aber gleichzeitig gut erreichbar und verfügte mit Münster und Osnabrück über Städte mit ausreichender Infrastruktur und Erfahrung in diplomatischen Angelegenheiten. Dass die Verhandlungen in zwei Städten parallel geführt wurden - in Münster zwischen dem Kaiser und Frankreich, in Osnabrück zwischen dem Kaiser und Schweden -, zeugt von der Komplexität der Verhandlungen und der Bedeutung der Region.
Der 1648 geschlossene Westfälische Frieden war ein Meilenstein der europäischen Geschichte. Er beendete nicht nur den Dreißigjährigen Krieg, sondern etablierte Prinzipien, die die internationale Politik bis heute prägen: staatliche Souveränität, rechtliche Gleichheit der Staaten, religiöse Toleranz und die friedliche Beilegung von Konflikten durch Verhandlung. Der Begriff „Westfälische Ordnung“ steht in der Politikwissenschaft bis heute für das moderne System souveräner Staaten.
Für Westfalen selbst bedeutete der Frieden zunächst das Ende der Kriegszerstörungen und den Beginn des Wiederaufbaus. Langfristig aber etablierte er die Region als Symbol für Friedenswillen und diplomatisches Geschick - ein Erbe, auf das Westfalen bis heute stolz sein kann.
Das 18. Jahrhundert brachte neue Impulse. Unter der preußischen Herrschaft, die weite Teile Westfalens nach dem Wiener Kongress 1815 umfasste, setzte eine Phase planvoller Modernisierung ein. Freiherr vom Stein, selbst Westfale aus Nassau, trieb als preußischer Reformer die Bauernbefreiung und die Städtereform voran. Die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Einführung der Gewerbefreiheit schufen die Voraussetzungen für die kommende wirtschaftliche Transformation.
Die westfälische Aufklärung hatte ihre eigenen, oft pragmatischen Züge. Sie manifestierte sich weniger in philosophischen Salons als in praktischen Verbesserungen: bessere Schulen, moderne Landwirtschaft, effizientere Verwaltung. Die Universitätsgründung in Münster 1780 (zunächst als Akademie, später als Universität wiederbegründet) schuf ein Zentrum der Wissenschaft.
Die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts veränderte Westfalen radikaler als jedes Ereignis zuvor. Der Schlüssel dazu lag in den gewaltigen Kohlevorkommen des Ruhrgebiets und angrenzender Gebiete. Was zunächst im 18. Jahrhundert mit kleinen Zechen begann, entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einer industriellen Revolution von welthistorischer Bedeutung.
Die Entdeckung und systematische Ausbeutung der Kohleflöze schuf die Energiebasis für eine umfassende Industrialisierung. Friedrich Harkort gründete 1819 in Wetter an der Ruhr eine der ersten Maschinenfabriken Deutschlands. Die Familie Krupp baute in Essen ein Stahlimperium auf, das zu den größten Industrieunternehmen der Welt werden sollte. In Dortmund entstanden gewaltige Stahlwerke und Brauereien. Bochum entwickelte sich zum Zentrum des Bergbaus.
Aber die Industrialisierung beschränkte sich nicht auf das Ruhrgebiet. In Bielefeld entstand eine bedeutende Textil-Industrie, Hagen wurde zum Zentrum der Stahlverarbeitung, im Sauerland entwickelte sich eine spezialisierte Metallindustrie. Die westfälische Wirtschaft diversifizierte sich: Maschinenbau, Chemie, Elektrotechnik entstanden neben der Schwerindustrie.
Die Infrastruktur wurde revolutioniert. 1847 erreichte die Eisenbahn das Ruhrgebiet, in den folgenden Jahrzehnten entstand eines der dichtesten Schienennetze Europas. Kanäle wie der Dortmund-Ems-Kanal verbanden das Industrierevier mit den Seehäfen. Westfalen wurde zum Verkehrsknotenpunkt Deutschlands.
Die Industrialisierung löste eine beispiellose Urbanisierung aus. Dörfer wurden zu Städten, Städte zu Großstädten, Großstädte wuchsen zu Metropolen. Die Bevölkerung Dortmunds explodierte von etwa 10.000 Einwohnern im Jahr 1800 auf über 500.000 im Jahr 1930. Ähnliche Entwicklungen gab es in Bochum, Gelsenkirchen, Herne und anderen Ruhrgebietsstädten.
Diese rasante Urbanisierung stellte gewaltige Herausforderungen dar: Wohnungsnot, sanitäre Probleme, soziale Spannungen. Die Antwort darauf war bemerkenswert: Westfälische Städte entwickelten sich zu Laboratorien moderner Stadtplanung. Grüngürtel wurden angelegt, Parks geschaffen, kommunale Wohnungsbaugesellschaften gegründet. Der Gedanke der "Gartenstadt" fand in Westfalen fruchtbaren Boden.
Industrielle wie Krupp bauten Arbeitersiedlungen, die für damalige Verhältnisse vorbildlich waren - mit Gärten, Schulen, Krankenhäusern. Die Margarethenhöhe in Essen oder die Siedlung Teutoburgia in Herne wurden zu Modellen modernen Wohnungsbaus. Hier zeigte sich ein spezifisch westfälischer Pragmatismus: Probleme wurden nicht ideologisch diskutiert, sondern praktisch gelöst.
Die Industrialisierung brachte nicht nur wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch soziale Fragen. Die Arbeiterbewegung entstand, Gewerkschaften organisierten sich, soziale Konflikte brachen auf. Westfalen wurde zum Schauplatz dieser Auseinandersetzungen - aber auch zum Geburtsort wegweisender Lösungen.
Die sozialdemokratische Bewegung fand in den westfälischen Industriestädten fruchtbaren Boden. Gleichzeitig entwickelte sich eine starke katholische Sozialbewegung, die christliche Werte mit sozialer Reform verband. Beide Strömungen trugen dazu bei, dass Deutschland im späten 19. Jahrhundert unter Bismarck die weltweit ersten Sozialversicherungen einführte.
Westfälische Unternehmer erkannten früh, dass soziale Sicherheit und wirtschaftlicher Erfolg zusammengehören. Betriebskrankenkassen, Unfallversicherungen, Altersversorgung - vieles wurde in westfälischen Betrieben erprobt, bevor es gesetzlich verankert wurde. Das Prinzip der Mitbestimmung, das heute die deutsche Wirtschaft prägt, hat seine Wurzeln auch in westfälischen Bergbau- und Stahlbetrieben.
Bei aller Konzentration auf Industrie und Städte darf nicht vergessen werden, dass weite Teile Westfalens ländlich geprägt blieben und eine hochproduktive Landwirtschaft entwickelten. Das Münsterland, die Soester Börde, das Paderborner Land blieben agrarisch geprägt und versorgten die wachsenden Industriestädte mit Nahrungsmitteln.
Diese Symbiose zwischen industriellem Ruhrgebiet und agrarischem Umland war ein Erfolgsfaktor. Die Bauern fanden sichere Absatzmärkte, die Städte verlässliche Versorgung. Der technische Fortschritt machte auch vor der Landwirtschaft nicht halt: Mechanisierung, Düngung, Züchtung steigerten die Erträge erheblich. Westfälische Bauern galten als innovativ und geschäftstüchtig.
Die landwirtschaftlichen Genossenschaften, die sich im 19. Jahrhundert bildeten, waren Beispiele erfolgreicher Selbstorganisation. Sie ermöglichten gemeinsamen Einkauf, Vermarktung und gegenseitige Unterstützung. Raiffeisen-Genossenschaften und Volksbanken, die in ländlichen Regionen entstanden, wurden zu tragenden Säulen der regionalen Wirtschaft.
Bis heute profitiert Westfalen von dieser Balance zwischen Stadt und Land. Die kurzen Wege zwischen urbanen Zentren und ländlichen Erholungsgebieten, zwischen Industrie und Natur, sind ein Qualitätsmerkmal der Region.
Das 20. Jahrhundert brachte auch für Westfalen dramatische Einschnitte. Die beiden Weltkriege hinterließen tiefe Wunden. Die Industrieregion wurde im Zweiten Weltkrieg massiv bombardiert, Städte wie Dortmund, Bochum und Essen zu großen Teilen zerstört. Doch die Wiederaufbauleistung war beeindruckend. Mit erstaunlicher Energie wurde nicht nur wiederaufgebaut, sondern modernisiert und verbessert.
Die Nachkriegsjahrzehnte brachten das "Wirtschaftswunder", an dem Westfalen maßgeblich beteiligt war. Die Schwerindustrie boomte, neue Branchen entstanden. Doch bereits in den 1960er Jahren zeichnete sich ab, dass die Kohle- und Stahlindustrie in eine Krise geraten würde. Der Strukturwandel, der in den 1970er und 1980er Jahren das Ruhrgebiet erfasste, war schmerzhaft. Zechen schlossen, Stahlwerke wurden stillgelegt, Arbeitsplätze gingen verloren.
Doch wieder bewies Westfalen seine Anpassungsfähigkeit. Der Strukturwandel wurde aktiv gestaltet. Stillgelegte Industrieanlagen wurden zu Kulturstätten umgenutzt - die Zeche Zollverein in Essen ist heute UNESCO-Weltkulturerbe. Universitäten wurden gegründet oder ausgebaut: die Ruhr-Universität Bochum (1962), die Technische Universität Dortmund, die Universität Duisburg-Essen. Aus der Industrieregion wurde eine Wissensregion.
Neue Industrien siedelten sich an: Mikroelektronik, Informationstechnologie, Logistik, Dienstleistungen. Dortmund entwickelte sich zum Logistikzentrum, Bochum zum Standort der Automobil-Industrie (Opel), Bielefeld blieb Zentrum der Lebensmittel- und Textil-Industrie. Die westfälische Wirtschaft diversifizierte sich erfolgreich.
Die westfälischen Städte haben über die Jahrhunderte starke eigenständige Profile entwickelt. Münster, die Hauptstadt Westfalens, kombiniert historischen Charme mit universitärer Lebendigkeit. Die Stadt gilt als eine der lebenswertesten Deutschlands, bekannt für ihre Fahrradkultur und ihre hohe Lebensqualität. Der Prinzipalmarkt mit seinen Giebelhäusern und die barocke Residenz sind architektonische Juwelen.
Dortmund hat sich von der Stahlstadt zur Technologie- und Dienstleistungsmetropole gewandelt. Die Stadt beherbergt innovative Technologieunternehmen, Forschungseinrichtungen und ist durch Borussia Dortmund auch international bekannt. Die erfolgreiche Revitalisierung der Innenstadt und die Entwicklung der Phoenix-Areale aus ehemaligen Stahlwerken zeigen exemplarisch gelungenen Strukturwandel.
Paderborn verbindet eine 1200-jährige Geschichte mit modernster Computerindustrie. Bielefeld ist Zentrum erfolgreicher Mittelständler und hat mit seiner Universität ein intellektuelles Zentrum. Hamm entwickelte sich zum Logistikknotenpunkt. Jede Stadt hat ihre Besonderheit, ihre Stärke, ihre Identität.
Westfalen hat eine bemerkenswerte demokratische Tradition entwickelt. Die mittelalterlichen Stadtfreiheiten, die hanseatische Tradition der Selbstverwaltung, die sozialdemokratische und christlich-soziale Bewegung - all dies schuf eine Kultur der Beteiligung und des Kompromisses.
Nach 1945 wurde Westfalen Teil des neu gegründeten Landes Nordrhein-Westfalen. Diese Verbindung von rheinischer und westfälischer Tradition erwies sich als fruchtbar. Das Land entwickelte sich zum bevölkerungsreichsten und wirtschaftlich stärksten Bundesland Deutschlands.
Die westfälische Mentalität - oft als nüchtern, zurückhaltend, aber zuverlässig beschrieben - erwies sich als Demokratie-kompatibel. Das Prinzip „Leben und leben lassen“ schuf Raum für Vielfalt. Die Integration von Millionen Zuwanderern - zunächst aus dem Osten Deutschlands, dann aus Südeuropa, später aus der Türkei und anderen Ländern - gelang trotz aller Schwierigkeiten bemerkenswert gut.
Die kulturelle Vielfalt Westfalens ist beeindruckend. Von mittelalterlichen Kirchenschätzen über barocke Residenzen bis zu Industriedenkmälern reicht das Spektrum. Die romanischen Kirchen des Münsterlandes, die gotischen Dome, die Wewelsburg, Schloss Corvey - die Liste der historischen Sehenswürdigkeiten ist lang.
Gleichzeitig hat sich eine lebendige moderne Kulturszene entwickelt. Die "Ruhrtriennale" macht ehemalige Industrieanlagen zu Kulturstätten. Theater in Bochum, Dortmund und Münster genießen überregionale Anerkennung. Museen wie das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster, das Museum Ostwall in Dortmund oder das Lehmbruck Museum in Duisburg bewahren und präsentieren Kunst auf höchstem Niveau.
Die Literaturszene ist lebendig - von der Gruppe 47, die sich nach dem Krieg im Sauerland traf, über zeitgenössische Autoren bis zu den Literaturfestivals in verschiedenen Städten. Westfalen brachte bedeutende Künstler, Schriftsteller und Denker hervor und zog viele an.
Der Sport spielt in Westfalen eine besondere Rolle. Borussia Dortmund und Schalke 04 sind mehr als Fußballvereine - sie sind Identitätsstifter, soziale Institutionen, Symbole ihrer Städte. Das Revier-Derby gehört zu den emotionalsten Sportveranstaltungen Europas. Aber auch andere Sportarten haben Tradition: Handball in Gummersbach, Tischtennis in vielen Vereinen, Radsport im flachen Münsterland.
Sport schafft Gemeinschaft über soziale Grenzen hinweg. Die Sportvereine sind Orte der Integration, der Begegnung, des Zusammenhalts. Diese Vereinskultur - tief verwurzelt in der westfälischen Gesellschaft - ist ein wichtiger Kitt der Gemeinschaft.
Das heutige Westfalen ist innovativ und zukunftsorientiert. Die Region hat verstanden, dass kontinuierlicher Wandel notwendig ist. Exzellenzcluster an den Universitäten forschen an Zukunftsthemen: künstliche Intelligenz, neue Materialien, nachhaltige Energie, Medizintechnik.
Der Strukturwandel geht weiter: weg von fossilen Brennstoffen, hin zu erneuerbaren Energien und Kreislaufwirtschaft. Ehemalige Zechengelände werden zu Technologieparks, Stahlwerke zu Zentren der Kreativwirtschaft. Dortmund hat sich als Zentrum der Mikroelektronik etabliert, Bochum entwickelt Kompetenzen in der IT-Sicherheit.
Die Digitalisierung wird aktiv gestaltet. Start-up-Szenen entwickeln sich, Gründerzentren entstehen, Netzwerke bilden sich. Die Verbindung von industriellem Know-how mit digitalen Technologien - Industrie 4.0 - findet in Westfalen ideale Bedingungen.
Die Liste bedeutender Westfalen ist lang und beeindruckend. Annette von Droste-Hülshoff, eine der größten deutschen Dichterinnen, stammte aus dem Münsterland. Der Maler Peter Paul Rubens wurde in Siegen geboren. Karl Marx studierte in Bonn, Friedrich Engels stammte aus Wuppertal.
In jüngerer Zeit kamen Persönlichkeiten wie der Schriftsteller Martin Walser (der lange in Westfalen lebte), der Künstler Joseph Beuys (aus Kleve), Sportler wie Franz Beckenbauer oder die Formel-1-Weltmeister aus der Region hinzu. Unternehmer wie die Familie Oetker aus Bielefeld, Miele aus Gütersloh oder Bertelsmann aus dem benachbarten Gütersloh prägten die Wirtschaft weit über die Region hinaus.
Wissenschaftler westfälischer Universitäten erhielten Nobelpreise, westfälische Künstler gestalteten die Kulturlandschaft. Die Region brachte Bischöfe, Politiker, Erfinder, Sportler hervor - Menschen, die in ihren Bereichen Außergewöhnliches leisteten.
Die Kombination aus reichen natürlichen Ressourcen, günstiger geografischer Lage, fleißigen und innovativen Menschen sowie einer Kultur der Kooperation und des Ausgleichs schuf die Grundlage für anhaltenden Erfolg. Die Balance zwischen Tradition und Moderne, zwischen Industrie und Natur, zwischen urbanen Zentren und ländlichen Räumen macht die Lebensqualität der Region aus.
Auch Westfalen steht heute vor neuen Herausforderungen: Klimawandel, demografischer Wandel, Digitalisierung, europäische Integration. Doch die Geschichte lehrt Optimismus: Eine Region, die so viele Transformationen erfolgreich bewältigt hat, wird auch die Zukunft gestalten können. Die westfälische Tradition der pragmatischen Innovation, des sozialen Zusammenhalts und der demokratischen Kultur bietet beste Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft.
Westfalen war und ist mehr als eine geografische Region - es ist eine Erfolgsgeschichte menschlicher Zivilisation, ein Beispiel dafür, wie natürliche Ressourcen, kulturelle Tradition und menschlicher Gestaltungswille zusammenwirken können, um Wohlstand, Kultur und Lebensqualität zu schaffen. Diese positive Geschichte verdient es, erzählt, erinnert und fortgeschrieben zu werden.