Das Werk „Historia Westphaliae“ (Geschichte Westfalens) wurde bis ca. 1520 in Westfalen geschrieben, umfasst über 800 Seiten und ist in 9 Bücher (9 Kapitel) gegliedert, denen mehrere Anhänge (Appendices) folgen. Der Autor Bernhard Witte († 1534) war Benediktiner-Mönch im Kloster Liesborn in Westfalen und gilt als einer der wichtigsten spätmittelalterlichen Geschichtsschreiber Westfalens.
Der Autor Bernhard Witte († 1534) war Benediktiner-Mönch und blieb als Historiker nicht im modernen Sinn neutral, sondern verband Geschichte mit moralischer Deutung und göttlicher Ordnung. Seine Ausbildung war wahrscheinlich humanistisch geprägt, aber sein Weltbild war tief im christlichen Denken des späten Mittelalters verwurzelt.
Bernhard Witte schrieb nicht für ein akademisches Fachpublikum, sondern für eine gebildete Leserschaft seiner Zeit: für Geistliche, für städtische und landesherrliche Eliten, für Leser, die Geschichte als Lehrmeisterin des Lebens verstanden. Entsprechend verbindet sein Stil Erzählung, Wertung und Mahnung. Ereignisse werden nicht nur beschrieben, sondern beurteilt - oft mit deutlichen Worten.
Das erste Kapitel (genannt Liber I = Buch 1) der „Historia Westphaliae“ umfasst nur 45 Seiten - bezogen auf die gedruckte lateinische Ausgabe von 1778. Liber I eröffnet die Historia Westphaliae mit einem weiten Blick auf die Geschichte der Welt und Europas.
Der Autor Bernhard Witte beginnt bei der biblischen Urgeschichte, was uns heute seltsam vorkommt, aber damals war es weit verbreitet, die eigene Landesgeschichte auf ein biblisch-heilsgeschichtliches Fundament zu betten. So beschreibt Witte zunächst, wie sich nach der Sintflut die Völker über die Erde ausbreiteten. Von dort führt er den Leser zur antiken Vorstellung von Europa und zu den großen Reichen der Vergangenheit. Diese frühen Abschnitte sollen zeigen, dass auch die Geschichte Westfalens ein Teil der großen Weltgeschichte ist.
Anschließend richtet Witte den Blick auf Germanien und die germanischen Stämme. Er beschreibt ihre Lebensweise, ihre Sitten und ihre frühe politische Ordnung. Dabei betont er sowohl ihre militärische Stärke als auch ihre Unabhängigkeit von römischer Herrschaft. Zugleich macht er deutlich, dass diese Freiheit mit Gewalt und inneren Konflikten verbunden war.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der geographischen Abgrenzung der Region. Witte erklärt, was unter Europa, Germanien, Sachsen und schließlich Westfalen zu verstehen ist. Er beschreibt Flüsse, Landschaften und Grenzen, um den historischen Raum greifbar zu machen. Dabei zeigt sich, dass Westfalen nicht als isoliertes Gebiet gedacht wird, sondern als Teil eines größeren Zusammenhangs.
Im weiteren Verlauf behandelt Witte die Herkunft des Namens „Westfalen“ und setzt sich mit verschiedenen Erklärungen auseinander. Er vergleicht ältere Überlieferungen und versucht, eine plausible Deutung zu geben. Diese vergleichende Vorgehensweise zeigt sein Interesse an Ordnung und Klarheit.
Zum Ende von Liber I leitet Witte zur späteren Christianisierung über. Er beschreibt das vorchristliche, „heidnische“ Stadium der Region als eine notwendige Vorstufe zur Aufnahme in die christliche Welt. Das Kapitel endet damit, den Boden für die folgende Darstellung zu bereiten, in der Mission, Kirche und Reichsordnung eine zentrale Rolle spielen. Das erste Buch dient so als grundlegende Einführung, um die Geschichte Westfalens in einen großen zeitlichen und räumlichen Zusammenhang einbettet.
Das zweite Kapitel wendet sich der frühen Geschichte der Sachsen und Westfalen zu und beschreibt die Zeit vor ihrer Eingliederung in das christliche Reich. Der Autor Bernhard Witte beginnt mit den Ursprüngen der sächsischen Stämme und ihrer Ansiedlung im nördlichen und westlichen Germanien. Er schildert ihre Lebensweise, ihre soziale Ordnung und ihren starken Zusammenhalt, der sie über lange Zeit unabhängig hielt.
Ein zentrales Thema ist das Verhältnis der Sachsen zum Römischen Reich. Witte beschreibt, wie die Sachsen zwar militärisch gefürchtet waren, sich aber dauerhaft der römischen Herrschaft entzogen. Anders als in römischen Provinzen gab es keine feste Verwaltung, keine dauerhaften Garnisonen und keine tiefgreifende Romanisierung. Diese Distanz zur römischen Welt prägt für Witte das frühe Selbstverständnis der Region.
Ausführlich geht er auf Kriege, Grenzkonflikte und wechselnde Bündnisse ein, die das Bild der Sachsen in den antiken Quellen bestimmen. Dabei zeigt sich, dass Wissen über diese Zeit oft aus fremden Berichten stammt, vor allem von römischen Autoren. Witte übernimmt diese Überlieferungen, ordnet sie und versucht, ihre Aussagen miteinander zu verbinden.
Gleichzeitig macht er deutlich, dass die Sachsen nicht nur als Krieger zu sehen sind. Er beschreibt ihre Bräuche, ihre religiösen Vorstellungen und ihre Formen der Rechtsprechung. Diese vorchristliche Ordnung erscheint bei ihm als in sich geschlossen, aber auch als begrenzt.
Am Ende des Kapitels wird klar, dass diese heidnische und eigenständige Welt nicht dauerhaft bestehen konnte. Die politische Entwicklung Europas und der Aufstieg des christlichen Reiches führten zwangsläufig zu Konflikten. Liber II bereitet damit den Übergang zur Christianisierung und zur Einbindung Sachsens in die Reichsordnung vor, die in den folgenden Büchern im Mittelpunkt stehen.
Dieser lange Abschnitt (128 Seiten) beschreibt den entscheidenden Übergang von der heidnischen Eigenständigkeit der Sachsen zur Einbindung in das christlich geprägte Reich. Im Mittelpunkt steht die Zeit der fränkischen Expansion, vor allem unter Karl dem Großen. Der Autor Bernhard Witte schildert die langen und erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Franken und Sachsen, die nicht nur militärisch, sondern auch religiös geprägt waren.
Die Sachsen erscheinen als widerstandsfähig und kampferfahren, aber zugleich als innerlich zersplittert. Witte macht deutlich, dass ihr Widerstand letztlich an der Überlegenheit der fränkischen Macht und an der fehlenden dauerhaften Einigkeit scheiterte. Besonders eindringlich beschreibt er die Härte der Kriege und die Gewalt, mit der die Christianisierung durchgesetzt wurde.
Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Einführung des Christentums. Witte schildert Mission, Taufen und die Gründung von Bistümern als grundlegende Einschnitte in die bisherige Lebensordnung. Die Annahme des christlichen Glaubens erscheint nicht als freiwilliger Prozess, sondern als Folge politischer Unterwerfung. Dennoch erkennt er darin einen notwendigen Schritt zur Ordnung und Befriedung des Landes.
Zugleich zeigt Liber III, wie sich mit der Christianisierung neue Machtstrukturen entwickelten. Kirche, Klöster und Bischöfe werden zu tragenden Säulen der Herrschaft. Die sächsischen Großen übernehmen nun Aufgaben im Reich, nehmen an Versammlungen teil und wirken bei Königswahlen mit. Damit wandelt sich ihre Rolle von unabhängigen Stammesführern zu Reichsadligen.
Am Ende des Buches wird deutlich, dass Sachsen und Westfalen nun Teil des Reiches geworden sind. Die Zeit der völligen Eigenständigkeit ist vorbei, doch an ihre Stelle tritt eine neue Ordnung, die Stabilität verspricht. Liber III markiert damit einen Wendepunkt: Aus einem widerständigen Grenzraum wird ein integrierter Bestandteil der Reichsgeschichte und bereitet den Boden für die weitere politische Entwicklung der Region.
Im Mittelpunkt des Kapitels steht Karl der Große, unter dessen Herrschaft die Sachsenkriege geführt und die Eingliederung Sachsens
in das fränkische Reich erzwungen wurde.
Der Autor Bernhard Witte stellt ihn als machtvollen, entschlossenen Herrscher dar, der militärische Gewalt und religiöse Ordnung miteinander verband.
Unter Karl wurden die Sachsen wiederholt unterworfen, Aufstände niedergeschlagen und die Christianisierung mit Nachdruck durchgesetzt.
Als Gegenspieler erscheint Widukind, der bedeutendste sächsische Anführer des Widerstands. Er verkörpert bei Witte den hartnäckigen, aber letztlich erfolglosen Kampf für die alte Freiheit und die heidnische Ordnung. Seine Taufe markiert einen symbolischen Wendepunkt, da sie das Ende des offenen Widerstands der Sachsen bedeutet.
Neben diesen beiden Figuren treten die sächsischen Großen hervor, also führende Adelige und Stammesfürsten. Sie handeln teils widerständig, teils anpassungsbereit und spielen eine wichtige Rolle bei der Stabilisierung der neuen Ordnung. Durch ihre Einbindung in fränkische Herrschaftsstrukturen werden sie zu Trägern der Reichsherrschaft in Sachsen.
Eine zentrale Rolle spielen außerdem Missionare und Geistliche, die im Auftrag des Königs wirken. Sie gründen Kirchen, organisieren Taufen und schaffen die Grundlage für dauerhafte kirchliche Strukturen. Besonders wichtig sind die neu entstehenden Bistümer, die nicht nur religiöse, sondern auch politische Funktionen übernehmen.
Schließlich treten auch die fränkischen Könige und Großen als kollektive Akteure auf, die Reichsversammlungen abhalten und über das weitere Vorgehen entscheiden. Durch ihre Beschlüsse wird Sachsen endgültig Teil des Reiches. Liber III zeigt damit, wie einzelne Herrscher, lokale Eliten und kirchliche Akteure gemeinsam einen tiefgreifenden historischen Umbruch herbeiführen.
Liber 4 behandelt die Herrschaft der Ottonen (ca. 919-1024) und Salier (ca. 1024-1125)
und die zunehmende Einbindung Sachsens und Westfalens in die Politik
des ostfränkisch-deutschen Reichs (Heiliges Römisches Reich).
Der Autor Bernhard Witte beschreibt diese Epoche als eine Phase zunehmender Stabilisierung, in der Königtum, Kirche und Adel enger zusammenwirken.
Besonders unter den ottonischen Kaisern, die selbst aus Sachsen stammen, gewinnt die Region deutlich an politischem Gewicht.
Ein zentrales Thema ist die enge Verbindung zwischen Königsherrschaft und Kirche. Witte schildert, wie Bischöfe und Äbte nicht nur geistliche Aufgaben übernehmen, sondern auch politische Verantwortung tragen. Klöster und Bistümer werden zu Zentren von Verwaltung, Bildung und Ordnung. Dadurch verändert sich das gesellschaftliche Gefüge nachhaltig.
Zugleich zeigt Liber IV, wie Sachsen und Westfalen stärker in die Reichspolitik eingebunden werden. Ihre Großen nehmen regelmäßig an Reichsversammlungen teil, unterstützen Könige oder geraten mit ihnen in Konflikt. Regionale Angelegenheiten lassen sich nun kaum noch von den großen politischen Entscheidungen des Reiches trennen.
Witte verschweigt dabei nicht die Spannungen dieser Zeit. Machtkämpfe zwischen Königtum und Adel sowie zwischen Kaiser und Papst werfen ihre Schatten auch auf Westfalen. Besonders der beginnende Investiturstreit macht deutlich, dass die neue Ordnung nicht konfliktfrei ist. Dennoch erscheint diese Epoche bei Witte insgesamt als eine Zeit klarer Strukturen.
Am Ende des Buches wird sichtbar, dass Sachsen und Westfalen ihren Platz im ostfränkisch-deutschen Reich gefunden haben. Aus ehemals widerständigen Randgebieten sind tragende Teile der Reichsherrschaft geworden. Liber IV zeigt damit, wie politische Integration, kirchliche Organisation und regionale Entwicklung zusammenwirken und die Grundlage für die weitere Geschichte der Region bilden.
Liber IV wird maßgeblich durch die Herrscher der ottonischen Dynastie geprägt, allen voran ↗Heinrich I., der das Königtum festigte und Sachsen dauerhaft zum Kernraum der Reichsherrschaft machte. Sein Sohn ↗Otto I. der Große steht im Zentrum der Darstellung, da unter ihm das Königtum zur Kaiserwürde erhoben und die Reichsordnung nachhaltig gestärkt wurde. Otto I. nutzte gezielt die Kirche als Machtstütze und setzte Bischöfe und Äbte als Reichsträger ein.
Eine wichtige Rolle spielt auch Otto II., unter dem das Reich trotz innerer Spannungen Bestand hatte und die Einbindung der Regionen fortgesetzt wurde. Otto III. erscheint als Herrscher mit universalen Ansprüchen, der das Kaisertum stark am römischen Vorbild ausrichtete. Sein früher Tod markiert einen Einschnitt und leitet den Übergang zu neuen Herrschaftsformen ein.
Mit ↗Heinrich II., dem letzten Ottonen, tritt erneut ein Herrscher auf, der Reichspolitik und kirchliche Ordnung eng miteinander verband. Er förderte Klöster und Bistümer und trug zur weiteren Festigung kirchlicher Strukturen in Westfalen bei.
Die salische Dynastie wird vor allem durch Konrad II. und Heinrich III. vertreten. ↗Konrad II. sicherte die Kontinuität der Herrschaft, während ↗Heinrich III. als Höhepunkt kaiserlicher Autorität gilt. Unter ihm erscheint das Reich als vergleichsweise geordnet und stabil.
Mit ↗Heinrich IV. beginnt jedoch eine Phase schwerer Konflikte. Der Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst prägt diese Zeit und wirkt sich auch auf Sachsen und Westfalen aus. Die Auseinandersetzungen schwächen das Königtum und führen zu inneren Spannungen im Reich. Liber IV zeigt damit, wie die Handlungen einzelner Herrscher den Übergang von einer stabilen Reichsordnung zu einer konfliktreicheren Epoche vorbereiten.
Liber V schildert vor allem die politische und kirchliche Geschichte Westfalens im frühen 12. und frühen 13. Jahrhundert, einer Zeit häufiger Machtwechsel und innerer Spannungen.
Den Auftakt bildet der Aufstieg ↗Lothar III., der
aus sächsischem Adel stammt und eher widerstrebend zum Kaiser gewählt wird.
Seine Herrschaft ist von militärischen Rückschlägen geprägt, besonders durch misslungene Feldzüge und Verrat innerhalb der eigenen Reihen.
Trotz dieser Schwierigkeiten wird Lothar als frommer und kirchenfreundlicher Herrscher beschrieben, der eng mit den Bischöfen zusammenarbeitet.
Ein zentrales Thema des Buches ist der dauernde Konflikt zwischen weltlichen Fürsten und kirchlichen Amtsträgern. Mehrfach werden Bischöfe abgesetzt, exkommuniziert oder wieder eingesetzt, je nachdem, ob Papst, Kaiser oder regionale Machthaber die Oberhand gewinnen. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Erzbistums Köln, wo geistliche Würdenträger durch politische Intrigen ihre Ämter verlieren oder zurückerlangen. Witte betont dabei, dass kirchliche Ämter zunehmend mit Machtmissbrauch, Geldforderungen und Gewalt verbunden sind.
Liber V schildert außerdem zahlreiche Fehden zwischen Grafen, Herzögen und Städten. Burgen und Dörfer werden geplündert, niedergebrannt oder befestigt, um territoriale Ansprüche durchzusetzen. Die Bevölkerung leidet unter diesen Auseinandersetzungen durch Zerstörung, Hunger und Unsicherheit. Auffällig ist, dass auch kirchliche Einrichtungen keineswegs verschont bleiben, sondern oft selbst Teil der Konflikte sind.
Ein weiteres wichtiges Motiv ist der Wandel innerhalb der Kirche. Klöster und Frauenkonvente werden reformiert, nachdem ihre Disziplin als verfallen beschrieben wird. Witte lobt besonders jene Bischöfe, die Ordnung, Regelstrenge und moralische Erneuerung durchsetzen. Gleichzeitig kritisiert er Geistliche, die sich mehr um weltliche Vorteile als um ihr Seelenheil kümmern.
Das Buch endet mit dem Tod bedeutender Herrscher und Bischöfe und vermittelt den Eindruck einer unruhigen Epoche, in der keine dauerhafte Stabilität erreicht wird. Liber V zeigt Westfalen als einen Raum ständiger Auseinandersetzungen, in dem politische Macht, kirchliche Autorität und persönliche Ambitionen eng miteinander verflochten sind.
Eine Schlüsselgestalt von Liber V ist ↗Lothar III., Herzog von Sachsen und später Kaiser, der gegen seinen Willen zum Herrscher erhoben wird. Er versucht, das Reich zu stabilisieren, gerät aber früh durch Verrat und militärisches Unglück unter Druck. Dennoch gilt er bei Witte als frommer Herrscher, der die Kirche schützt und fördert.
Eine wichtige Rolle spielen mehrere Erzbischöfe von Köln, vor allem ↗Friedrich I. von Schwarzenburg, der Lothar krönt und damit dessen Herrschaft legitimiert. Seine Nachfolger zeigen jedoch, wie kirchliche Macht politisch missbraucht werden kann: sie belasten die Bevölkerung durch Abgaben und geraten in offene Konflikte mit Papst und Kaiser.
Der Gegenpol zu diesen Erzbischöfen ist der Papst, insbesondere ↗Honorius II. (Amtszeit 1124-1130), der mehrfach in deutsche Kirchenangelegenheiten eingreift. Durch Absetzungen und Exkommunikationen versucht er, kirchliche Ordnung durchzusetzen, löst damit aber neue politische Spannungen aus.
Im weltlichen Bereich treten regionale Adelige hervor, etwa Otto von Moravia, dessen Machtambitionen einen verlustreichen Feldzug auslösen. Sein Handeln führt dazu, dass Lothars frühe Regierungszeit von militärischen Rückschlägen überschattet wird.
Große Bedeutung haben außerdem mehrere Bischöfe von Münster, Osnabrück und Paderborn, die zwischen geistlichem Amt und weltlicher Politik stehen. Besonders ↗Gerhard von Osnabrück wird als Reformer dargestellt, der Klöster erneuert und die kirchliche Disziplin wiederherstellt.
Eine weitere prägende Figur ist Engelbert von Berg, der zunächst als energischer Kirchenmann erscheint, später jedoch durch Machtpolitik und Gewalt selbst zur Konfliktursache wird. Sein Wirken zeigt exemplarisch, wie eng geistliche Würde und weltliche Herrschaft verbunden sind.
Schließlich treten zahlreiche Grafen und Herzöge Westfalens auf, die durch Fehden, Plünderungen und Burgenbau lokale Macht ausüben. Sie sind oft Auslöser von Gewalt, unter der vor allem Städte, Bauern und Klöster leiden.
Insgesamt zeigt Liber V die Geschichte Westfalens als das Ergebnis des Handelns einzelner mächtiger Personen, deren Entscheidungen politische Krisen, kirchliche Reformen oder kriegerische Verwüstungen nach sich ziehen.
Das 6. „Buch“ ist mit 136 Seiten das umfangreichste und behandelt die Reichs- und Regionalgeschichte Westfalens im 13. und frühen 14. Jahrhundert. Es behandelt eine Zeit großer politischer Unruhe im Reich, in der Machtkämpfe zwischen Kaisern, Fürsten und dem Papst das Geschehen bestimmen.
Im Mittelpunkt steht der Sturz von Kaiser ↗Otto IV., der wegen seines Konflikts mit dem Papst exkommuniziert wird und zunehmend an Unterstützung verliert. An seine Stelle tritt ↗Friedrich II., der von den Fürsten zum neuen Kaiser gewählt wird und allmählich die Herrschaft im Reich übernimmt.
Der Autor Bernhard Witte schildert diesen Machtwechsel nicht als geordneten Übergang, sondern als Ergebnis von Intrigen, Bündnissen und militärischem Druck. Besonders deutlich wird dabei die Rolle der Kurfürsten, die durch ihre Wahlentscheidungen über den Kaiser bestimmen. Der Autor macht klar, dass kaiserliche Macht in dieser Zeit nicht selbstverständlich ist, sondern ständig neu abgesichert werden muss.
Ein zentrales Thema des Buches ist das enge Zusammenspiel von weltlicher Politik und kirchlicher Autorität. Der Papst greift mehrfach entscheidend in die Reichspolitik ein, indem er Herrscher anerkennt oder verwirft. Exkommunikationen werden als wirksames politisches Mittel dargestellt, das ganze Regionen destabilisieren kann.
Parallel zu den großen Reichsereignissen schildert Witte zahlreiche Konflikte in Westfalen. Grafen, Herzöge und Bischöfe führen Fehden gegeneinander, belagern Städte, zerstören Burgen und verwüsten Landstriche. Die Leidtragenden sind vor allem die einfachen Bewohner, die unter Plünderungen, Hunger und Unsicherheit leiden.
Auch kirchliche Einrichtungen bleiben von Gewalt nicht verschont, obwohl sie eigentlich Orte des Friedens sein sollten. Witte zeigt, wie Bischöfe zugleich geistliche Hirten und weltliche Machthaber sind und dadurch selbst in Kriege verwickelt werden. Gleichzeitig lobt er einzelne Geistliche, die sich um Reformen bemühen und Klöster wieder zu Ordnung und Disziplin zurückführen.
Liber VI endet mit dem Tod bedeutender Herrscher und dem Gefühl eines nur scheinbar erreichten Friedens. Insgesamt zeichnet das Buch das Bild einer Epoche, in der Machtkämpfe, religiöse Autorität und persönliche Ambitionen das Leben in Westfalen und im Reich tief prägen.
Die zentrale Figur von Liber VI ist Kaiser ↗Otto IV., dessen Herrschaft durch den offenen Konflikt mit dem Papst geprägt ist. Durch seine Missachtung kirchlicher Autorität wird er exkommuniziert, was seine politische Stellung entscheidend schwächt. Viele Fürsten wenden sich daraufhin von ihm ab, wodurch seine Macht im Reich zusammenbricht.
An seine Stelle tritt ↗Friedrich II., Sohn Kaiser Heinrichs VI., der von den Fürsten als neuer Kaiser anerkannt wird. Friedrich erscheint bei Witte als Hoffnungsträger für Ordnung, doch sein Machtantritt ist das Ergebnis harter politischer Auseinandersetzungen. Seine Wahl zeigt, dass kaiserliche Herrschaft nicht durch Erbrecht allein gesichert ist, sondern vom Konsens der Großen abhängt.
Eine wichtige Rolle spielt der Papst ↗Innozenz III., der aktiv in die Reichspolitik eingreift. Durch seine Unterstützung Friedrichs und die Verurteilung Ottos lenkt er den Machtwechsel entscheidend mit. Witte macht deutlich, dass geistliche Autorität hier als politisches Instrument wirkt.
Auf regionaler Ebene treten zahlreiche Fürsten und Grafen auf, deren Rivalitäten Westfalen destabilisieren. Besonders hervorzuheben ist ↗Engelbert von Berg, der zugleich geistlicher Würdenträger und mächtiger Landesherr ist. Er nutzt seine Stellung, um politischen Einfluss auszubauen, gerät dadurch aber selbst in gewaltsame Konflikte.
Mehrere Bischöfe von Münster, Paderborn und Osnabrück erscheinen als doppelte Akteure: Sie vertreten kirchliche Interessen, führen aber zugleich Kriege und belagern Städte. Dadurch werden kirchliche Territorien selbst zu Schauplätzen von Gewalt. Einzelne Bischöfe werden von Witte dennoch positiv hervorgehoben, wenn sie Klöster reformieren oder kirchliche Disziplin erneuern.
Am Rand des Geschehens stehen die Grafen und Herzöge Westfalens, deren Fehden Burgenzerstörungen, Plünderungen und Hungersnöte auslösen. Sie sind häufig unmittelbare Auslöser lokaler Gewalt, auch wenn sie formell dem Kaiser unterstehen.
Insgesamt zeigt Liber VI, wie das Handeln weniger mächtiger Personen - Kaiser, Papst, Erzbischöfe und Grafen - weitreichende politische Umbrüche und schwere Folgen für Land und Bevölkerung nach sich zieht.
Liber 7 berichtet über die Geschichte in der Zeit der Luxemburger, welche die Reichspolitik in der Zeit von 1308 bis 1437 bestimmten. Das Kapitel schildert die Regierungszeit Kaiser ↗Karl IV. (Haus Luxemburg), der zuerst König von Böhmen war und dann zum römisch-deutschen König und Kaiser aufsteigt. Seine Herrschaft beginnt nach einer Phase heftiger Machtkämpfe, in der mehrere Herrscheransprüche gleichzeitig bestanden. Witte beschreibt Karl als politisch klugen und vorsichtigen Herrscher, der Konflikte lieber durch Verhandlungen als durch offene Gewalt löst.
Ein zentrales Thema ist die Festigung der königlichen Autorität nach Jahren der Unsicherheit. Karl bemüht sich, die Zustimmung der Fürsten zu sichern, indem er ihre Rechte anerkennt und bestehende Privilegien bestätigt. Dadurch entsteht zwar mehr Stabilität, zugleich wächst aber auch die Macht der regionalen Herren auf Kosten des Kaisers.
Der Autor Bernhard Witte schreibt, wie sich diese Reichspolitik konkret in Westfalen auswirkt. Zahlreiche Fehden zwischen Grafen, Herzögen und Städten dauern an, auch wenn sie nicht mehr das ganze Reich erfassen. Städte versuchen, ihre Selbstständigkeit zu bewahren oder auszubauen, während geistliche Fürsten ihre Territorien festigen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf kirchlichen Angelegenheiten. Bischöfe und Äbte nehmen weiterhin eine Doppelrolle als geistliche Führer und weltliche Machthaber ein. Konflikte um Besitz, Abgaben und Rechte führen immer wieder zu Spannungen zwischen Kirche, Adel und Städten.
Witte berichtet auch von außergewöhnlichen Ereignissen, die als Zeichen göttlichen Wirkens gedeutet werden, etwa Hungersnöte, Seuchen oder Himmelserscheinungen. Solche Ereignisse werden nicht nur als Naturphänomene, sondern als moralische Mahnungen verstanden. Sie verstärken das Bild einer Zeit, in der politische Ordnung und göttliche Vorsehung eng miteinander verknüpft gedacht werden.
Liber VII endet mit dem Eindruck einer vergleichsweise ruhigeren, aber keineswegs konfliktfreien Epoche. Karl IV. gelingt es, das Reich zu stabilisieren, ohne die tief verwurzelten Machtkonflikte vollständig zu lösen. Westfalen erscheint weiterhin als ein Raum konkurrierender Interessen, nun jedoch eingebettet in eine vorsichtiger und strukturierter geführte Reichspolitik.
Im Hintergrund von Liber VII steht Kaiser ↗Karl IV., dessen Politik den Rahmen bildet, ohne dass er ständig selbst handelnd auftritt. Eine wichtige Rolle spielen stattdessen die Kurfürsten, die durch ihre Zustimmung seine Herrschaft absichern und damit ihre eigene politische Bedeutung stärken. Besonders die geistlichen Kurfürsten nutzen diese Situation, um ihre Rechte und Territorien zu festigen.
Unter den kirchlichen Akteuren ragt ↗Walram von Jülich hervor, der als Erzbischof von Köln erheblichen Einfluss auf Politik und Kriegführung nimmt. Er tritt nicht nur als geistlicher Führer auf, sondern mischt sich aktiv in militärische Auseinandersetzungen mit Städten und Adeligen ein. Sein Handeln zeigt, wie stark kirchliche Würdenträger in weltliche Konflikte verstrickt sind.
Ein Gegengewicht zu den Erzbischöfen bilden mehrere Grafen und Herzöge Westfalens, deren Namen bei Witte häufig erscheinen. Sie führen Fehden um Besitz, Rechte und Vorherrschaft, was zu wiederholten Zerstörungen von Burgen und Dörfern führt. Besonders Städte geraten dabei zwischen die Fronten und müssen wechselnde Bündnisse eingehen.
Von Bedeutung sind außerdem die städtischen Eliten, etwa in Köln und anderen größeren Städten. Sie versuchen, ihre Autonomie zu behaupten oder auszubauen, geraten dabei aber immer wieder in Konflikt mit geistlichen und weltlichen Fürsten. Diese Auseinandersetzungen lösen Belagerungen, wirtschaftliche Not und politische Umbrüche aus.
Auf kirchlicher Ebene treten Bischöfe und Äbte als Reformatoren hervor, die Klöster neu ordnen und Disziplin durchsetzen wollen. Witte hebt solche Personen positiv hervor, da sie in einer unruhigen Zeit für moralische Stabilität sorgen. Gleichzeitig kritisiert er Geistliche, die ihre Macht missbrauchen oder sich zu sehr an weltlichen Interessen orientieren.
Am Rand des politischen Geschehens erscheinen einfache Adelige und Ministerialen, deren Loyalitätswechsel größere Konflikte auslösen können. Durch Verrat oder Bündniswechsel tragen sie zur Unsicherheit der Epoche bei.
Insgesamt macht Liber VII deutlich, dass nicht allein der Kaiser, sondern ein Geflecht aus Fürsten, Geistlichen und Städten das historische Geschehen prägt. Die Epoche wird weniger von einzelnen großen Taten als von der Summe vieler lokaler Entscheidungen und Konflikte bestimmt.
Das 8. Kapitel handelt immer noch von der Zeit von Kaiser ↗Karl IV.,
aber der Autor wechselt die Perspektive: von der Reichsebene (Liber VII) zur regionalen Ebene (Liber VIII).
Dieses Kapitel führt in eine Zeit fortgeschrittener politischer Zersplitterung, in der das Reich und besonders Westfalen von dauerhaften Konflikten geprägt sind.
Die kaiserliche Autorität ist zwar weiterhin vorhanden, greift aber nur begrenzt ordnend ein.
Stattdessen bestimmen regionale Fürsten, Bischöfe und Grafen zunehmend selbst das politische Geschehen.
Witte schildert zahlreiche Fehden zwischen Adelshäusern, die um Besitz, Rechte und Einfluss kämpfen. Diese Auseinandersetzungen führen häufig zu Belagerungen, Brandschatzungen und Verwüstungen ganzer Landstriche. Städte und Dörfer geraten dabei immer wieder zwischen die Fronten und tragen die Hauptlast der Gewalt.
Ein zentrales Thema ist der Gegensatz zwischen weltlichen Herren und geistlichen Fürsten. Bischöfe treten nicht nur als kirchliche Autoritäten auf, sondern führen Truppen, schließen Bündnisse und verteidigen ihre Territorien mit Gewalt. Dadurch verschwimmt die Grenze zwischen geistlicher Aufgabe und weltlicher Machtpolitik zunehmend.
Witte berichtet außerdem von innerstädtischen Konflikten, bei denen Bürgerschaften gegen ihre Stadtherren oder gegen äußeren Druck kämpfen. Städte bemühen sich um Autonomie, während Fürsten versuchen, ihre Kontrolle über Handel, Gerichtsbarkeit und Abgaben zu sichern. Diese Spannungen führen zu Aufständen, Strafaktionen und wechselnden Bündnissen.
Auch außergewöhnliche Ereignisse wie Hungersnöte, Krankheiten und Naturerscheinungen finden Erwähnung. Sie werden als Zeichen göttlicher Mahnung verstanden und verstärken das Gefühl einer unsicheren und belasteten Zeit. Der Autor deutet solche Ereignisse häufig moralisch und verbindet sie mit dem Verhalten der Menschen und ihrer Herrscher.
Trotz aller Unruhe zeigt Liber VIII auch Ansätze von Ordnung und Ausgleich. Einzelne Herrscher und Geistliche bemühen sich um Frieden, Vermittlung und rechtliche Regelungen. Diese Versuche bleiben jedoch oft nur lokal begrenzt und können die allgemeine Instabilität nicht dauerhaft überwinden.
Am Ende zeichnet Liber VIII das Bild einer Epoche, in der Westfalen von vielen kleinen Machtzentren geprägt ist. Eine einheitliche Führung fehlt weitgehend, und politische Entscheidungen entstehen aus einem komplexen Zusammenspiel von Gewalt, Verhandlung und persönlichem Ehrgeiz.
Im Hintergrund von Liber VIII steht weiterhin der Kaiser, dessen Autorität jedoch nur noch eingeschränkt wirksam ist. Auch wenn ↗Karl IV. nicht ständig aktiv eingreift, bildet seine Herrschaft den politischen Rahmen, innerhalb dessen regionale Mächte handeln. Seine zurückhaltende Reichspolitik begünstigt die wachsende Selbstständigkeit der Fürsten in Westfalen.
Im Zentrum des Geschehens stehen nun vor allem regionale Grafen und Herzöge, die ihre Macht in zahlreichen Fehden gegeneinander auszubauen versuchen. Sie lösen durch Besitzansprüche und Bündniswechsel wiederholt militärische Konflikte aus, die zu Zerstörungen von Burgen, Dörfern und landwirtschaftlichen Flächen führen. Ihr Handeln ist einer der Hauptgründe für die anhaltende Unsicherheit der Bevölkerung.
Eine besonders wichtige Rolle spielen die Erzbischöfe und Bischöfe Westfalens, die zugleich geistliche Oberhäupter und weltliche Landesherren sind. Sie führen eigene Truppen, schließen Bündnisse mit weltlichen Fürsten und verteidigen ihre Territorien notfalls mit Gewalt. Dadurch werden kirchliche Fürstentümer selbst zu politischen Machtzentren und Konfliktherden.
Daneben treten städtische Führungsgruppen - Räte, wohlhabende Bürger und Zünfte - als eigenständige Akteure auf. Sie versuchen, die Selbstverwaltung ihrer Städte zu sichern oder auszuweiten, was sie in Gegensatz zu geistlichen und weltlichen Herren bringt. Solche Auseinandersetzungen führen zu Belagerungen, Strafaktionen und zeitweiligen Machtverschiebungen innerhalb der Städte.
Auch niedere Adelige und Ministerialen gewinnen Bedeutung, da sie als Burgherren, Amtsträger oder Söldner lokale Konflikte anheizen oder verschärfen. Durch Seitenwechsel und persönliche Feindschaften können sie größere Fehden auslösen. Witte zeigt damit, dass politische Entscheidungen oft von einzelnen Personen und ihren Interessen abhängen.
Auf kirchlicher Ebene treten außerdem Äbte und Reformgeistliche hervor, die versuchen, Klöster zu erneuern und moralische Ordnung wiederherzustellen. Ihr Wirken steht im Kontrast zur allgemeinen Gewalt und wird vom Autor ausdrücklich positiv bewertet.
Insgesamt macht Liber VIII deutlich, dass das historische Geschehen weniger von einem einzelnen Herrscher als von vielen miteinander konkurrierenden Akteuren bestimmt wird. Kaiser, Fürsten, Geistliche und Städte handeln parallel, oft gegeneinander, und prägen gemeinsam eine Epoche dauerhafter Spannung und Unsicherheit.
Liber IX führt die Darstellung weiter in das späte Mittelalter und zeigt Westfalen als einen Raum anhaltender politischer Zersplitterung. Die kaiserliche Autorität (↗Karl IV.) ist zwar weiterhin vorhanden, spielt aber für den Alltag der Region nur noch eine untergeordnete Rolle. Stattdessen bestimmen lokale Fürsten, Bischöfe, Grafen und Städte zunehmend selbst über Krieg und Frieden.
Der Autor Bernhard Witte schildert zahlreiche Fehden zwischen Adelshäusern, die aus Erbstreitigkeiten, Machtansprüchen oder verletzter Ehre entstehen. Burgen werden belagert oder zerstört, Dörfer geplündert und Felder verwüstet. Die Landbevölkerung leidet besonders unter diesen Auseinandersetzungen, da sie Abgaben zahlen und zugleich die Folgen von Krieg und Unsicherheit tragen muss.
Ein zentrales Thema ist der Konflikt zwischen geistlichen und weltlichen Herrschaften. Bischöfe treten weiterhin als Landesherren auf, führen militärische Unternehmungen und verteidigen ihre Rechte mit Gewalt. Dadurch geraten kirchliche Territorien immer wieder in offene Auseinandersetzungen mit benachbarten Grafen oder Städten.
Auch die Städte gewinnen weiter an Bedeutung. Sie versuchen, ihre Freiheiten, ihren Handel und ihre Selbstverwaltung auszubauen, was sie in Gegensatz zu Fürsten und Bischöfen bringt. Witte berichtet von Belagerungen, Bündnissen zwischen Städten und militärischem Widerstand gegen äußere Eingriffe.
Neben politischen Konflikten beschreibt Liber IX auch schwere Krisen wie Hungersnöte, Seuchen und außergewöhnliche Naturereignisse. Diese werden als Zeichen göttlicher Warnung gedeutet und mit dem moralischen Zustand der Gesellschaft in Verbindung gebracht.
Unordnung, Gewalt und Habgier erscheinen dabei als Ursachen göttlicher Strafen.Trotz der allgemeinen Unruhe zeigt Witte auch Versuche der Befriedung. Einzelne Vermittlungen, Verträge und rechtliche Regelungen bringen zeitweise Ruhe, bleiben jedoch meist regional begrenzt. Dauerhafte Stabilität stellt sich nicht ein.
Am Ende vermittelt Liber IX das Bild einer Epoche, in der Macht stark zersplittert ist und Ordnung nur mühsam aufrecht erhalten wird. Westfalen erscheint als ein Land, in dem politische Entscheidungen vor allem durch lokale Interessen und persönliche Konflikte geprägt sind.
Im Hintergrund von Liber IX steht weiterhin der Kaiser, meist noch ↗Karl IV., dessen Autorität jedoch nur selten unmittelbar eingreift. Seine Herrschaft bildet eher den rechtlichen Rahmen, während konkrete Entscheidungen auf regionaler Ebene fallen. Dadurch verlagert sich das Gewicht des Geschehens deutlich weg vom Reichszentrum.
Im Vordergrund stehen weltliche Fürsten und Grafen Westfalens, die durch Erbansprüche, Grenzstreitigkeiten und Fehden das politische Geschehen bestimmen. Ihr Handeln löst zahlreiche militärische Konflikte aus, in deren Verlauf Burgen zerstört und Dörfer verwüstet werden. Persönliche Rivalitäten einzelner Adliger haben dabei oft größere Folgen als formelle Reichspolitik.
Eine besonders wichtige Rolle spielen die Bischöfe als geistliche Landesherren, etwa von Münster, Paderborn oder Osnabrück. Sie treten nicht nur als Seelsorger, sondern als militärische und politische Akteure auf. Durch Truppenaufgebote, Bündnisse und Belagerungen prägen sie aktiv die regionale Machtbalance.
Daneben gewinnen die Städte und ihre Führungsschichten zunehmend an Bedeutung. Stadträte und wohlhabende Bürger setzen sich für Selbstverwaltung, Handelsfreiheit und rechtliche Sicherheit ein. Ihr Widerstand gegen fürstliche oder bischöfliche Eingriffe führt immer wieder zu Belagerungen oder Strafaktionen.
Auch niedere Adelige und Ministerialen erscheinen als wichtige Auslöser von Konflikten. Als Burgherren oder Dienstleute größerer Fürsten handeln sie oft eigenständig und verschärfen Fehden durch Überfälle oder Seitenwechsel. Ihre Loyalität ist häufig instabil und abhängig von persönlichem Vorteil.
Auf kirchlicher Ebene treten außerdem Äbte und Reformgeistliche hervor, die versuchen, Klöster zu erneuern und geistliche Ordnung wiederherzustellen. Witte stellt sie als moralisches Gegengewicht zur allgemeinen Gewalt dar. Ihr Wirken bleibt jedoch meist auf den innerkirchlichen Bereich beschränkt.
Insgesamt zeigt Liber IX, dass historische Entwicklungen weniger von einzelnen großen Herrschern als von vielen miteinander konkurrierenden Akteuren bestimmt werden. Fürsten, Bischöfe, Städte und Adelige handeln parallel und oft gegeneinander. Ihr Zusammenspiel erzeugt eine Epoche anhaltender Spannung, in der Ordnung nur zeitweise und lokal gelingt.
Der umfangreiche Anhang der Druckausgabe von 1778 umfasst rund 200 Seiten und besteht vollständig aus Texten von Bernhard Witte, die aus seinem Nachlass stammen. Diese Texte hatte Witte zwar verfasst, aber zu Lebzeiten (gestorben 1534) nicht mehr in das Hauptwerk eingearbeitet. Sie ergänzen die Historia Westphaliae thematisch, ohne ihr streng chronologisches Gerüst fortzusetzen.
Ein zentraler Bestandteil der Anhänge ist eine ausführliche Darstellung einzelner regionaler Kriege, insbesondere des Soester und des Münsterischen Konflikts. Diese Texte sind deutlich detaillierter als die entsprechenden Passagen im Hauptwerk und schildern Ursachen, Verlauf und Folgen der Kämpfe aus westfälischer Perspektive. Witte legt dabei besonderen Wert auf militärische Ereignisse, Bündnisse und Verrat.
Ein weiterer großer Abschnitt ist der Geschichte des Klosters Liesborn gewidmet. Hier beschreibt Witte Gründung, Entwicklung sowie die Abfolge der Äbte und Äbtissinnen. Dieser Teil ist stark von persönlicher Nähe geprägt, da Witte selbst Mönch in Liesborn war. Er enthält viele institutionelle Details, Besitzfragen und innere Reformbestrebungen des Klosters.
Daneben findet sich eine eigenständige Abhandlung über bedeutende Schriftsteller des Benediktinerordens. Witte ordnet diese Autoren historisch ein und würdigt ihre geistliche und gelehrte Leistung. Dieser Abschnitt zeigt ihn weniger als Chronisten politischer Ereignisse, sondern als Ordenshistoriker und Gelehrten.
Die Anhänge unterscheiden sich stilistisch vom Hauptwerk. Sie sind weniger streng gegliedert, teilweise essayhaft und stärker von persönlicher Wertung geprägt. Chronologie tritt zugunsten thematischer Vertiefung zurück.
Inhaltlich erweitern die Anhänge das Werk um lokale Detailgeschichte, institutionelle Erinnerung und geistliche Selbstverortung. Sie zeigen, welche Themen Witte besonders wichtig waren, auch wenn sie nicht mehr in die große Gesamtdarstellung eingepasst wurden.
Insgesamt bilden die Anhänge keinen bloßen Zusatz, sondern ein eigenständiges Ergänzungswerk, das Politik-, Kloster- und Ordensgeschichte miteinander verbindet. Zusammen mit dem Haupttext geben sie ein deutlich vollständigeres Bild von Wittes historiographischem Denken und seiner Arbeitsweise.