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Westfälische Landesgeschichte nach Bernhard Witte

Das Werk „Historia Westphaliae“ (Geschichte West­falens) wurde bis ca. 1520 in West­falen ge­schrie­ben, um­fasst über 800 Seiten und ist in 9 Bücher (9 Kapitel) ge­glie­dert, denen mehrere Anhänge (Appen­dices) folgen. Der Autor Bernhard Witte († 1534) war Benedik­tiner-Mönch im Kloster Lies­born in West­falen und gilt als einer der wich­tigs­ten spät­mittel­alter­lichen Ge­schichts­schrei­ber West­falens.

Der Autor Bernhard Witte († 1534) war Benediktiner-Mönch und blieb als Histori­ker nicht im moder­nen Sinn neutral, sondern verband Ge­schich­te mit morali­scher Deu­tung und gött­licher Ord­nung. Seine Aus­bil­dung war wahr­schein­lich humanis­tisch ge­prägt, aber sein Welt­bild war tief im christ­li­chen Denken des späten Mittel­alters ver­wurzelt.

Bernhard Witte schrieb nicht für ein akademisches Fachpublikum, sondern für eine gebildete Leser­schaft seiner Zeit: für Geist­liche, für städ­tische und landes­herr­liche Eliten, für Leser, die Ge­schichte als Lehr­meiste­rin des Lebens ver­stan­den. Entspre­chend ver­bindet sein Stil Erzählung, Wer­tung und Mahnung. Ereig­nisse werden nicht nur be­schrie­ben, sondern be­urteilt - oft mit deut­li­chen Worten.


Text: Jörg Rosenthal, 2025.
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Über Liber I

Das erste Kapitel (genannt Liber I = Buch 1) der „Histo­ria West­phaliae“ um­fasst nur 45 Sei­ten - bezo­gen auf die ge­druck­te latei­ni­sche Ausgabe von 1778. Liber I eröffnet die Historia Westphaliae mit einem weiten Blick auf die Geschichte der Welt und Europas.

Der Autor Bernhard Witte beginnt bei der biblischen Ur­geschichte, was uns heute seltsam vor­kommt, aber damals war es weit verbreitet, die eigene Landes­geschichte auf ein biblisch-heilsgeschicht­liches Funda­ment zu betten. So beschreibt Witte zunächst, wie sich nach der Sintflut die Völker über die Erde ausbreiteten. Von dort führt er den Leser zur antiken Vorstel­lung von Europa und zu den großen Reichen der Ver­gangen­heit. Diese frühen Ab­schnitte sollen zeigen, dass auch die Geschichte West­falens ein Teil der großen Welt­geschichte ist.

Anschließend richtet Witte den Blick auf Germanien und die germani­schen Stämme. Er be­schreibt ihre Lebens­weise, ihre Sitten und ihre frühe poli­tische Ordnung. Dabei betont er sowohl ihre militärische Stärke als auch ihre Unabhängig­keit von römischer Herr­schaft. Zugleich macht er deut­lich, dass diese Frei­heit mit Gewalt und inne­ren Konflik­ten ver­bunden war.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der geographischen Abgrenzung der Region. Witte erklärt, was unter Europa, Germanien, Sachsen und schließ­lich West­falen zu ver­stehen ist. Er beschreibt Flüsse, Landschaften und Grenzen, um den histo­rischen Raum greifbar zu machen. Dabei zeigt sich, dass West­falen nicht als isolier­tes Gebiet gedacht wird, sondern als Teil eines größe­ren Zusammen­hangs.

Im weiteren Verlauf behandelt Witte die Herkunft des Namens „West­falen“ und setzt sich mit verschiedenen Erklä­rungen ausein­ander. Er vergleicht ältere Überliefe­rungen und versucht, eine plausible Deu­tung zu geben. Diese vergleichende Vorgehensweise zeigt sein Interesse an Ord­nung und Klar­heit.

Zum Ende von Liber I leitet Witte zur späteren Christiani­sie­rung über. Er be­schreibt das vor­christ­liche, „heidnische“ Stadium der Region als eine notwendige Vorstufe zur Aufnahme in die christ­liche Welt. Das Kapitel endet damit, den Boden für die folgende Darstel­lung zu bereiten, in der Mission, Kirche und Reichs­ordnung eine zentrale Rolle spielen. Das erste Buch dient so als grund­legende Ein­führung, um die Geschichte West­falens in einen großen zeit­lichen und räum­lichen Zusammen­hang einbettet.



Über Liber II

Das zweite Kapitel wendet sich der frühen Geschichte der Sachsen und West­falen zu und be­schreibt die Zeit vor ihrer Eingliederung in das christ­liche Reich. Der Autor Bernhard Witte beginnt mit den Ur­sprüngen der sächsischen Stämme und ihrer Ansied­lung im nörd­lichen und west­lichen Germa­nien. Er schildert ihre Lebens­weise, ihre soziale Ord­nung und ihren starken Zusammen­halt, der sie über lange Zeit unab­hängig hielt.

Ein zentrales Thema ist das Verhältnis der Sachsen zum Römischen Reich. Witte beschreibt, wie die Sachsen zwar militärisch ge­fürchtet waren, sich aber dauer­haft der römischen Herr­schaft ent­zogen. Anders als in römischen Provin­zen gab es keine feste Ver­waltung, keine dauer­haften Garniso­nen und keine tief­greifende Romani­sierung. Diese Distanz zur römischen Welt prägt für Witte das frühe Selbst­verständ­nis der Region.

Ausführlich geht er auf Kriege, Grenz­konflikte und wechselnde Bünd­nisse ein, die das Bild der Sachsen in den antiken Quellen bestimmen. Dabei zeigt sich, dass Wissen über diese Zeit oft aus fremden Berichten stammt, vor allem von römi­schen Autoren. Witte übernimmt diese Über­liefe­rungen, ordnet sie und versucht, ihre Aussagen mit­ein­ander zu ver­binden.

Gleichzeitig macht er deutlich, dass die Sachsen nicht nur als Krieger zu sehen sind. Er beschreibt ihre Bräuche, ihre religiösen Vorstel­lungen und ihre Formen der Recht­sprechung. Diese vor­christ­liche Ordnung er­scheint bei ihm als in sich ge­schlossen, aber auch als begrenzt.

Am Ende des Kapitels wird klar, dass diese heidnische und eigenständige Welt nicht dauerhaft bestehen konnte. Die poli­tische Entwick­lung Europas und der Aufstieg des christ­lichen Reiches führten zwangs­läufig zu Konflik­ten. Liber II bereitet damit den Übergang zur Christiani­sie­rung und zur Ein­bindung Sachsens in die Reichs­ordnung vor, die in den folgen­den Büchern im Mittel­punkt stehen.



Über Liber III

Dieser lange Abschnitt (128 Seiten) beschreibt den entscheidenden Übergang von der heidnischen Eigenständig­keit der Sachsen zur Ein­bindung in das christ­lich geprägte Reich. Im Mittelpunkt steht die Zeit der fränki­schen Expan­sion, vor allem unter Karl dem Großen. Der Autor Bernhard Witte schildert die langen und erbitter­ten Aus­ein­andersetzun­gen zwi­schen Franken und Sachsen, die nicht nur militä­risch, sondern auch reli­giös ge­prägt waren.

Die Sachsen erscheinen als widerstands­fähig und kampf­erfahren, aber zugleich als inner­lich zer­splittert. Witte macht deutlich, dass ihr Wider­stand letzt­lich an der Über­legenheit der fränki­schen Macht und an der fehlen­den dauer­haften Einig­keit scheiterte. Besonders eindring­lich be­schreibt er die Härte der Kriege und die Gewalt, mit der die Christiani­sierung durch­gesetzt wurde.

Ein wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Einführung des Christen­tums. Witte schildert Mission, Taufen und die Gründung von Bistümern als grund­legende Ein­schnitte in die bisherige Lebens­ordnung. Die Annahme des christ­lichen Glaubens er­scheint nicht als frei­williger Prozess, sondern als Folge poli­tischer Unter­werfung. Dennoch erkennt er darin einen not­wendigen Schritt zur Ord­nung und Befrie­dung des Landes.

Zugleich zeigt Liber III, wie sich mit der Christiani­sierung neue Macht­strukturen ent­wickel­ten. Kirche, Klöster und Bischöfe werden zu tragen­den Säulen der Herr­schaft. Die sächsi­schen Großen über­nehmen nun Aufgaben im Reich, nehmen an Versamm­lungen teil und wirken bei Königs­wahlen mit. Damit wandelt sich ihre Rolle von unab­hängigen Stammes­führern zu Reichs­adligen.

Am Ende des Buches wird deutlich, dass Sachsen und West­falen nun Teil des Reiches geworden sind. Die Zeit der völli­gen Eigen­ständig­keit ist vorbei, doch an ihre Stelle tritt eine neue Ord­nung, die Stabi­li­tät ver­spricht. Liber III markiert damit einen Wende­punkt: Aus einem wider­ständigen Grenz­raum wird ein integrier­ter Bestand­teil der Reichs­geschichte und berei­tet den Boden für die weitere poli­tische Entwick­lung der Region.

Akteure in Liber III

Im Mittelpunkt des Kapitels steht Karl der Große, unter dessen Herr­schaft die Sachsen­kriege geführt und die Einglie­derung Sachsens in das fränkische Reich er­zwungen wurde.
Der Autor Bernhard Witte stellt ihn als macht­vollen, ent­schlos­senen Herr­scher dar, der militä­rische Gewalt und reli­giöse Ord­nung mit­einander verband. Unter Karl wurden die Sachsen wieder­holt unter­worfen, Aufstände nieder­geschlagen und die Christiani­sie­rung mit Nach­druck durch­gesetzt.

Als Gegenspieler erscheint Widukind, der bedeutend­ste sächsi­sche An­führer des Wider­stands. Er ver­körpert bei Witte den hart­näckigen, aber letzt­lich erfolg­losen Kampf für die alte Frei­heit und die heid­nische Ord­nung. Seine Taufe markiert einen symboli­schen Wende­punkt, da sie das Ende des offenen Wider­stands der Sachsen be­deutet.

Neben diesen beiden Figuren treten die sächsischen Großen hervor, also führende Adelige und Stammes­fürsten. Sie handeln teils wider­ständig, teils anpas­sungs­bereit und spielen eine wichtige Rolle bei der Stabili­sierung der neuen Ordnung. Durch ihre Ein­bindung in fränkische Herr­schafts­struktu­ren werden sie zu Trägern der Reichs­herrschaft in Sachsen.

Eine zentrale Rolle spielen außerdem Missionare und Geist­liche, die im Auftrag des Königs wirken. Sie gründen Kirchen, organisieren Taufen und schaffen die Grundlage für dauerhafte kirch­liche Struk­turen. Besonders wichtig sind die neu ent­stehen­den Bistümer, die nicht nur religiöse, sondern auch poli­tische Funktionen übernehmen.

Schließlich treten auch die fränkischen Könige und Großen als kollektive Akteure auf, die Reichs­versamm­lungen abhalten und über das weitere Vorgehen ent­scheiden. Durch ihre Beschlüsse wird Sachsen endgültig Teil des Reiches. Liber III zeigt damit, wie einzelne Herr­scher, lokale Eliten und kirch­liche Akteure gemein­sam einen tief­greifenden histo­rischen Umbruch herbei­führen.



Über Liber IV

Liber 4 behandelt die Herr­schaft der Ottonen (ca. 919-1024) und Salier (ca. 1024-1125) und die zu­nehmende Ein­bin­dung Sachsens und West­fa­lens in die Poli­tik des ost­frän­kisch-deutschen Reichs (Heili­ges Römi­sches Reich).
Der Autor Bernhard Witte beschreibt diese Epoche als eine Phase zunehmen­der Stabili­sie­rung, in der König­tum, Kirche und Adel enger zusammen­wirken. Beson­ders unter den ottoni­schen Kaisern, die selbst aus Sachsen stammen, gewinnt die Region deut­lich an politi­schem Gewicht.

Ein zentrales Thema ist die enge Verbindung zwischen Königs­herr­schaft und Kirche. Witte schildert, wie Bischöfe und Äbte nicht nur geist­liche Auf­gaben über­nehmen, sondern auch poli­tische Verantwor­tung tragen. Klöster und Bistümer werden zu Zentren von Verwal­tung, Bildung und Ord­nung. Dadurch ver­ändert sich das gesell­schaft­liche Gefüge nach­haltig.

Zugleich zeigt Liber IV, wie Sachsen und West­falen stärker in die Reichs­politik einge­bunden werden. Ihre Großen nehmen regelmäßig an Reichs­versamm­lungen teil, unterstützen Könige oder geraten mit ihnen in Konflikt. Regionale Angelegenheiten lassen sich nun kaum noch von den großen poli­tischen Entscheidungen des Reiches trennen.

Witte verschweigt dabei nicht die Spannungen dieser Zeit. Machtkämpfe zwischen Königtum und Adel sowie zwischen Kaiser und Papst werfen ihre Schatten auch auf West­falen. Besonders der beginnende Investiturstreit macht deutlich, dass die neue Ordnung nicht konfliktfrei ist. Dennoch erscheint diese Epoche bei Witte insgesamt als eine Zeit klarer Strukturen.

Am Ende des Buches wird sichtbar, dass Sachsen und West­falen ihren Platz im ost­fränkisch-deutschen Reich ge­funden haben. Aus ehemals wider­ständigen Rand­gebieten sind tragende Teile der Reichs­herr­schaft ge­worden. Liber IV zeigt damit, wie poli­tische Integration, kirch­liche Organi­sation und regionale Entwick­lung zusammen­wirken und die Grund­lage für die weitere Ge­schich­te der Region bilden.

Akteure in Liber IV

Liber IV wird maßgeblich durch die Herr­scher der ottonischen Dynastie geprägt, allen voran ↗Heinrich I., der das König­tum festigte und Sachsen dauerhaft zum Kernraum der Reichs­herr­schaft machte. Sein Sohn ↗Otto I. der Große steht im Zentrum der Dar­stellung, da unter ihm das Königtum zur Kaiserwürde erhoben und die Reichs­ordnung nachhaltig gestärkt wurde. Otto I. nutzte gezielt die Kirche als Macht­stütze und setzte Bischöfe und Äbte als Reichs­träger ein.

Eine wichtige Rolle spielt auch Otto II., unter dem das Reich trotz innerer Spannun­gen Bestand hatte und die Ein­bindung der Regionen fort­gesetzt wurde. Otto III. erscheint als Herr­scher mit univer­salen An­sprüchen, der das Kaiser­tum stark am römischen Vorbild aus­richtete. Sein früher Tod markiert einen Ein­schnitt und leitet den Über­gang zu neuen Herr­schafts­formen ein.

Mit ↗Heinrich II., dem letzten Ottonen, tritt erneut ein Herr­scher auf, der Reichs­politik und kirch­liche Ordnung eng mit­einander verband. Er förderte Klöster und Bistümer und trug zur weiteren Festigung kirch­licher Struk­turen in West­falen bei.

Die salische Dynastie wird vor allem durch Konrad II. und Heinrich III. vertreten. ↗Konrad II. sicherte die Kontinuität der Herr­schaft, während ↗Heinrich III. als Höhepunkt kaiser­licher Autori­tät gilt. Unter ihm er­scheint das Reich als vergleichs­weise ge­ordnet und stabil.

Mit ↗Heinrich IV. beginnt jedoch eine Phase schwe­rer Konflikte. Der Investiturstreit zwischen Kaiser und Papst prägt diese Zeit und wirkt sich auch auf Sachsen und West­falen aus. Die Aus­ein­andersetzun­gen schwächen das König­tum und führen zu inneren Spannungen im Reich. Liber IV zeigt damit, wie die Hand­lungen einzel­ner Herr­scher den Über­gang von einer stabilen Reichs­ordnung zu einer konflikt­reiche­ren Epoche vor­bereiten.



Über Liber V

Liber V schildert vor allem die poli­tische und kirch­liche Geschichte West­falens im frühen 12. und frühen 13. Jahr­hundert, einer Zeit häufiger Macht­wechsel und innerer Spannungen.
Den Auftakt bildet der Aufstieg ↗Lothar III., der aus sächsi­schem Adel stammt und eher wider­strebend zum Kaiser gewählt wird. Seine Herr­schaft ist von militä­rischen Rück­schlägen geprägt, beson­ders durch miss­lungene Feld­züge und Verrat inner­halb der eigenen Reihen. Trotz dieser Schwierig­keiten wird Lothar als frommer und kirchen­freund­licher Herr­scher be­schrieben, der eng mit den Bischöfen zusammen­arbeitet.

Ein zentrales Thema des Buches ist der dauernde Konflikt zwischen welt­lichen Fürsten und kirch­lichen Amts­trägern. Mehr­fach werden Bischöfe abge­setzt, exkommuni­ziert oder wieder eingesetzt, je nachdem, ob Papst, Kaiser oder regionale Machthaber die Oberhand gewinnen. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Erzbistums Köln, wo geist­liche Würdenträger durch poli­tische Intrigen ihre Ämter verlieren oder zurückerlangen. Witte betont dabei, dass kirch­liche Ämter zunehmend mit Machtmissbrauch, Geldforde­rungen und Gewalt verbunden sind.

Liber V schildert außerdem zahlreiche Fehden zwischen Grafen, Herzögen und Städten. Burgen und Dörfer werden geplündert, nieder­gebrannt oder be­festigt, um terri­toriale Ansprüche durchzusetzen. Die Bevölkerung leidet unter diesen Aus­ein­andersetzungen durch Zerstörung, Hunger und Unsicherheit. Auffällig ist, dass auch kirch­liche Einrichtungen keineswegs verschont bleiben, sondern oft selbst Teil der Konflikte sind.

Ein weiteres wichtiges Motiv ist der Wandel innerhalb der Kirche. Klöster und Frauen­konvente werden refor­miert, nach­dem ihre Diszi­plin als ver­fallen be­schrieben wird. Witte lobt besonders jene Bischöfe, die Ordnung, Regelstrenge und moralische Erneuerung durch­setzen. Gleich­zeitig kriti­siert er Geist­liche, die sich mehr um welt­liche Vor­teile als um ihr Seelen­heil kümmern.

Das Buch endet mit dem Tod bedeutender Herr­scher und Bischöfe und vermittelt den Eindruck einer unruhigen Epoche, in der keine dauer­hafte Stabi­lität er­reicht wird. Liber V zeigt West­falen als einen Raum ständi­ger Aus­ein­ander­setzun­gen, in dem poli­tische Macht, kirch­liche Autori­tät und persön­liche Ambitio­nen eng mit­einander ver­floch­ten sind.

Akteure in Liber V

Eine Schlüsselgestalt von Liber V ist ↗Lothar III., Herzog von Sachsen und später Kaiser, der gegen seinen Willen zum Herr­scher erhoben wird. Er versucht, das Reich zu stabilisieren, gerät aber früh durch Verrat und militärisches Unglück unter Druck. Dennoch gilt er bei Witte als frommer Herr­scher, der die Kirche schützt und fördert.

Eine wichtige Rolle spielen mehrere Erzbischöfe von Köln, vor allem ↗Friedrich I. von Schwarzenburg, der Lothar krönt und damit dessen Herr­schaft legiti­miert. Seine Nach­folger zeigen jedoch, wie kirch­liche Macht poli­tisch miss­braucht werden kann: sie belas­ten die Bevölke­rung durch Ab­gaben und ge­raten in offene Konflikte mit Papst und Kaiser.

Der Gegenpol zu diesen Erzbischöfen ist der Papst, insbe­son­dere ↗Honorius II. (Amts­zeit 1124-1130), der mehrfach in deutsche Kirchen­angelegen­heiten ein­greift. Durch Ab­setzun­gen und Exkommuni­kationen ver­sucht er, kirch­liche Ordnung durch­zuset­zen, löst damit aber neue poli­tische Spannun­gen aus.

Im welt­lichen Bereich treten regionale Adelige hervor, etwa Otto von Moravia, dessen Macht­ambi­tionen einen verlust­reichen Feld­zug aus­lösen. Sein Handeln führt dazu, dass Lothars frühe Regierungs­zeit von militä­rischen Rück­schlägen über­schattet wird.

Große Bedeu­tung haben außerdem mehrere Bischöfe von Münster, Osnabrück und Paderborn, die zwischen geist­lichem Amt und welt­licher Politik stehen. Besonders ↗Gerhard von Osnabrück wird als Reformer dar­gestellt, der Klöster er­neuert und die kirch­liche Disziplin wieder­herstellt.

Eine weitere prägende Figur ist Engelbert von Berg, der zunächst als energi­scher Kirchen­mann erscheint, später jedoch durch Macht­politik und Gewalt selbst zur Konflikt­ursache wird. Sein Wirken zeigt exemplarisch, wie eng geist­liche Würde und welt­liche Herr­schaft verbunden sind.

Schließlich treten zahlreiche Grafen und Herzöge West­falens auf, die durch Fehden, Plünde­rungen und Burgenbau lokale Macht ausüben. Sie sind oft Auslöser von Gewalt, unter der vor allem Städte, Bauern und Klöster leiden.

Insgesamt zeigt Liber V die Geschichte West­falens als das Ergebnis des Handelns einzelner mächtiger Personen, deren Ent­scheidungen poli­tische Krisen, kirch­liche Reformen oder kriegerische Verwüstungen nach sich ziehen.



Über Liber VI

Das 6. „Buch“ ist mit 136 Seiten das umfang­reich­ste und be­handelt die Reichs­- und Regional­geschichte West­falens im 13. und frühen 14. Jahr­hun­dert. Es behandelt eine Zeit großer poli­tischer Unruhe im Reich, in der Machtkämpfe zwischen Kaisern, Fürsten und dem Papst das Geschehen bestimmen.

Im Mittelpunkt steht der Sturz von Kaiser ↗Otto IV., der wegen seines Konflikts mit dem Papst exkommuniziert wird und zunehmend an Unterstützung verliert. An seine Stelle tritt ↗Friedrich II., der von den Fürsten zum neuen Kaiser gewählt wird und allmählich die Herr­schaft im Reich übernimmt.

Der Autor Bernhard Witte schildert diesen Machtwechsel nicht als geordneten Übergang, sondern als Ergebnis von Intrigen, Bündnissen und militärischem Druck. Besonders deutlich wird dabei die Rolle der Kurfürsten, die durch ihre Wahl­entschei­dun­gen über den Kaiser be­stimmen. Der Autor macht klar, dass kaiser­liche Macht in dieser Zeit nicht selbst­verständ­lich ist, sondern ständig neu abge­sichert werden muss.

Ein zentrales Thema des Buches ist das enge Zusammen­spiel von welt­licher Politik und kirch­licher Autorität. Der Papst greift mehrfach entscheidend in die Reichs­politik ein, indem er Herr­scher anerkennt oder verwirft. Exkommunika­tionen werden als wirksames politi­sches Mittel darge­stellt, das ganze Regionen destabili­sieren kann.

Parallel zu den großen Reichs­ereignissen schildert Witte zahlreiche Konflikte in West­falen. Grafen, Herzöge und Bischöfe führen Fehden gegen­einander, belagern Städte, zerstören Burgen und verwüsten Land­striche. Die Leidtragenden sind vor allem die einfachen Bewohner, die unter Plünde­rungen, Hunger und Unsicher­heit leiden.

Auch kirch­liche Einrichtungen bleiben von Gewalt nicht verschont, obwohl sie eigentlich Orte des Friedens sein sollten. Witte zeigt, wie Bischöfe zugleich geist­liche Hirten und welt­liche Macht­haber sind und dadurch selbst in Kriege ver­wickelt werden. Gleich­zeitig lobt er einzelne Geist­liche, die sich um Reformen bemühen und Klöster wieder zu Ordnung und Disziplin zurück­führen.

Liber VI endet mit dem Tod bedeutender Herr­scher und dem Gefühl eines nur scheinbar erreichten Friedens. Insgesamt zeichnet das Buch das Bild einer Epoche, in der Machtkämpfe, religiöse Autorität und persön­liche Ambitionen das Leben in West­falen und im Reich tief prägen.

Akteure in Liber VI

Die zentrale Figur von Liber VI ist Kaiser ↗Otto IV., dessen Herr­schaft durch den offenen Konflikt mit dem Papst geprägt ist. Durch seine Missach­tung kirch­licher Autorität wird er exkommuni­ziert, was seine poli­tische Stel­lung entschei­dend schwächt. Viele Fürsten wenden sich daraufhin von ihm ab, wodurch seine Macht im Reich zusammen­bricht.

An seine Stelle tritt ↗Friedrich II., Sohn Kaiser Heinrichs VI., der von den Fürsten als neuer Kaiser anerkannt wird. Friedrich erscheint bei Witte als Hoffnungsträger für Ordnung, doch sein Machtantritt ist das Ergebnis harter poli­tischer Aus­ein­andersetzungen. Seine Wahl zeigt, dass kaiser­liche Herr­schaft nicht durch Erbrecht allein gesichert ist, sondern vom Konsens der Großen abhängt.

Eine wichtige Rolle spielt der Papst ↗Innozenz III., der aktiv in die Reichs­politik eingreift. Durch seine Unterstützung Friedrichs und die Verurtei­lung Ottos lenkt er den Macht­wechsel ent­scheidend mit. Witte macht deutlich, dass geist­liche Autorität hier als politisches Instrument wirkt.

Auf regionaler Ebene treten zahlreiche Fürsten und Grafen auf, deren Rivalitäten West­falen destabilisieren. Besonders hervorzuheben ist ↗Engelbert von Berg, der zugleich geist­licher Würdenträger und mächtiger Landesherr ist. Er nutzt seine Stellung, um poli­tischen Einfluss auszu­bauen, gerät dadurch aber selbst in gewalt­same Konflikte.

Mehrere Bischöfe von Münster, Paderborn und Osnabrück er­scheinen als doppelte Akteure: Sie vertreten kirch­liche Interessen, führen aber zugleich Kriege und belagern Städte. Dadurch werden kirch­liche Territo­rien selbst zu Schau­plätzen von Gewalt. Einzelne Bischöfe werden von Witte dennoch positiv hervor­gehoben, wenn sie Klöster reformieren oder kirch­liche Disziplin erneuern.

Am Rand des Geschehens stehen die Grafen und Herzöge West­falens, deren Fehden Burgen­zerstörun­gen, Plünde­rungen und Hungers­nöte aus­lösen. Sie sind häufig unmittel­bare Auslöser lokaler Gewalt, auch wenn sie formell dem Kaiser unter­stehen.

Insgesamt zeigt Liber VI, wie das Handeln weniger mächtiger Personen - Kaiser, Papst, Erzbischöfe und Grafen - weit­reichende poli­tische Umbrüche und schwere Folgen für Land und Bevölke­rung nach sich zieht.



Über Liber VII

Liber 7 berichtet über die Geschich­te in der Zeit der Luxem­bur­ger, welche die Reichs­­poli­tik in der Zeit von 1308 bis 1437 be­stimm­ten. Das Kapitel schildert die Regierungszeit Kaiser ↗Karl IV. (Haus Luxemburg), der zuerst König von Böhmen war und dann zum römisch-deutschen König und Kaiser aufsteigt. Seine Herr­schaft beginnt nach einer Phase heftiger Machtkämpfe, in der mehrere Herr­scher­ansprüche gleich­zeitig be­standen. Witte beschreibt Karl als poli­tisch klugen und vorsichtigen Herr­scher, der Konflikte lieber durch Verhand­lungen als durch offene Gewalt löst.

Ein zentrales Thema ist die Festigung der könig­lichen Autorität nach Jahren der Unsicher­heit. Karl bemüht sich, die Zu­stimmung der Fürsten zu sichern, indem er ihre Rechte anerkennt und bestehende Privile­gien bestätigt. Dadurch entsteht zwar mehr Stabilität, zugleich wächst aber auch die Macht der regionalen Herren auf Kosten des Kaisers.

Der Autor Bernhard Witte schreibt, wie sich diese Reichs­politik konkret in West­falen auswirkt. Zahlreiche Fehden zwischen Grafen, Herzögen und Städten dauern an, auch wenn sie nicht mehr das ganze Reich erfassen. Städte versuchen, ihre Selbstständig­keit zu bewahren oder auszu­bauen, während geist­liche Fürsten ihre Territo­rien festigen.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf kirch­lichen Angele­gen­heiten. Bischöfe und Äbte nehmen weiter­hin eine Doppelrolle als geist­liche Führer und welt­liche Machthaber ein. Konflikte um Besitz, Abgaben und Rechte führen immer wieder zu Spannun­gen zwi­schen Kirche, Adel und Städten.

Witte berichtet auch von außergewöhn­lichen Ereignissen, die als Zeichen gött­lichen Wirkens gedeutet werden, etwa Hungers­nöte, Seuchen oder Himmels­erscheinungen. Solche Ereig­nisse werden nicht nur als Natur­phänomene, sondern als moralische Mahnungen ver­standen. Sie verstärken das Bild einer Zeit, in der poli­tische Ordnung und gött­liche Vorsehung eng mit­einander ver­knüpft gedacht werden.

Liber VII endet mit dem Eindruck einer vergleichs­weise ruhigeren, aber keineswegs konflikt­freien Epoche. Karl IV. gelingt es, das Reich zu stabili­sieren, ohne die tief verwurzelten Macht­konflikte voll­ständig zu lösen. West­falen erscheint weiterhin als ein Raum konkurrie­render Interessen, nun jedoch einge­bettet in eine vorsich­tiger und struktu­rier­ter geführte Reichs­politik.

Akteure in Liber VII

Im Hintergrund von Liber VII steht Kaiser ↗Karl IV., dessen Politik den Rahmen bildet, ohne dass er ständig selbst handelnd auftritt. Eine wichtige Rolle spielen stattdessen die Kurfürsten, die durch ihre Zustimmung seine Herr­schaft absichern und damit ihre eigene poli­tische Bedeu­tung stärken. Besonders die geist­lichen Kurfürsten nutzen diese Situation, um ihre Rechte und Territorien zu festigen.

Unter den kirch­lichen Akteuren ragt ↗Walram von Jülich hervor, der als Erzbischof von Köln erheb­lichen Einfluss auf Politik und Kriegführung nimmt. Er tritt nicht nur als geist­licher Führer auf, sondern mischt sich aktiv in militärische Aus­ein­andersetzun­gen mit Städten und Adeligen ein. Sein Handeln zeigt, wie stark kirch­liche Würden­träger in welt­liche Konflikte verstrickt sind.

Ein Gegengewicht zu den Erz­bischöfen bilden mehrere Grafen und Herzöge West­falens, deren Namen bei Witte häufig er­scheinen. Sie führen Fehden um Besitz, Rechte und Vorherr­schaft, was zu wieder­holten Zerstö­rungen von Burgen und Dörfern führt. Besonders Städte geraten dabei zwischen die Fronten und müssen wechseln­de Bünd­nisse ein­gehen.

Von Bedeu­tung sind außerdem die städ­tischen Eliten, etwa in Köln und anderen größe­ren Städten. Sie versuchen, ihre Autonomie zu behaup­ten oder auszu­bauen, geraten dabei aber immer wieder in Konflikt mit geist­lichen und welt­lichen Fürsten. Diese Aus­ein­andersetzun­gen lösen Belage­rungen, wirt­schaft­liche Not und poli­tische Umbrüche aus.

Auf kirch­licher Ebene treten Bischöfe und Äbte als Reformatoren hervor, die Klöster neu ordnen und Disziplin durch­setzen wollen. Witte hebt solche Personen positiv hervor, da sie in einer unruhigen Zeit für morali­sche Stabili­tät sorgen. Gleichzeitig kritisiert er Geist­liche, die ihre Macht miss­brauchen oder sich zu sehr an welt­lichen Interessen orien­tieren.

Am Rand des poli­tischen Geschehens er­scheinen einfache Adelige und Ministe­rialen, deren Loyalitäts­wechsel größere Konflikte aus­lösen können. Durch Verrat oder Bündnis­wechsel tragen sie zur Unsicher­heit der Epoche bei.

Insgesamt macht Liber VII deutlich, dass nicht allein der Kaiser, sondern ein Geflecht aus Fürsten, Geist­lichen und Städten das histo­rische Geschehen prägt. Die Epoche wird weniger von einzelnen großen Taten als von der Summe vieler lokaler Ent­scheidungen und Konflikte bestimmt.



Über Liber VIII

Das 8. Kapitel handelt immer noch von der Zeit von Kaiser ↗Karl IV., aber der Autor wechselt die Perspektive: von der Reichs­ebene (Liber VII) zur regionalen Ebene (Liber VIII).
Dieses Kapitel führt in eine Zeit fortgeschrittener poli­tischer Zersplit­terung, in der das Reich und besonders West­falen von dauer­haften Konflikten geprägt sind. Die kaiser­liche Autorität ist zwar weiter­hin vorhanden, greift aber nur begrenzt ordnend ein. Stattdessen be­stimmen regionale Fürsten, Bischöfe und Grafen zunehmend selbst das poli­tische Geschehen.

Witte schildert zahlreiche Fehden zwischen Adelshäusern, die um Besitz, Rechte und Einfluss kämpfen. Diese Aus­ein­andersetzun­gen führen häufig zu Belagerun­gen, Brand­schatzun­gen und Ver­wüstun­gen ganzer Land­striche. Städte und Dörfer geraten dabei immer wieder zwischen die Fronten und tragen die Haupt­last der Gewalt.

Ein zentrales Thema ist der Gegensatz zwischen welt­lichen Herren und geist­lichen Fürsten. Bischöfe treten nicht nur als kirch­liche Autori­täten auf, sondern führen Truppen, schließen Bünd­nisse und vertei­digen ihre Terri­torien mit Gewalt. Dadurch ver­schwimmt die Grenze zwischen geist­licher Aufgabe und welt­licher Macht­politik zunehmend.

Witte berichtet außerdem von innerstäd­tischen Konflikten, bei denen Bürger­schaften gegen ihre Stadt­herren oder gegen äußeren Druck kämpfen. Städte bemühen sich um Autono­mie, während Fürsten ver­suchen, ihre Kontrolle über Handel, Gerichtsbar­keit und Abgaben zu sichern. Diese Spannungen führen zu Auf­ständen, Straf­aktionen und wechseln­den Bünd­nissen.

Auch außergewöhn­liche Ereig­nisse wie Hungers­nöte, Krank­heiten und Natur­erscheinun­gen finden Erwähnung. Sie werden als Zeichen gött­licher Mahnung ver­standen und ver­stärken das Gefühl einer unsicheren und belas­teten Zeit. Der Autor deutet solche Ereig­nisse häufig moralisch und ver­bindet sie mit dem Ver­halten der Menschen und ihrer Herr­scher.

Trotz aller Unruhe zeigt Liber VIII auch Ansätze von Ordnung und Ausgleich. Einzelne Herr­scher und Geist­liche bemühen sich um Frieden, Vermitt­lung und recht­liche Rege­lungen. Diese Versuche bleiben jedoch oft nur lokal be­grenzt und können die all­gemeine Instabi­lität nicht dauer­haft über­winden.

Am Ende zeichnet Liber VIII das Bild einer Epoche, in der West­falen von vielen kleinen Macht­zentren geprägt ist. Eine einheit­liche Führung fehlt weit­gehend, und poli­tische Ent­scheidun­gen ent­stehen aus einem komplexen Zusammen­spiel von Gewalt, Verhand­lung und persönli­chem Ehr­geiz.

Akteure in Liber VIII

Im Hintergrund von Liber VIII steht weiterhin der Kaiser, dessen Autori­tät jedoch nur noch einge­schränkt wirksam ist. Auch wenn ↗Karl IV. nicht ständig aktiv eingreift, bildet seine Herr­schaft den poli­tischen Rahmen, innerhalb dessen regionale Mächte handeln. Seine zurück­haltende Reichs­politik be­günstigt die wachsende Selbst­ständig­keit der Fürsten in West­falen.

Im Zentrum des Geschehens stehen nun vor allem regionale Grafen und Herzöge, die ihre Macht in zahl­reichen Fehden gegen­einander aus­zubauen versuchen. Sie lösen durch Besitz­ansprüche und Bündnis­wechsel wieder­holt militä­rische Konflikte aus, die zu Zerstö­rungen von Burgen, Dörfern und land­wirt­schaft­lichen Flächen führen. Ihr Handeln ist einer der Haupt­gründe für die anhal­tende Unsicher­heit der Bevöl­kerung.

Eine besonders wichtige Rolle spielen die Erzbischöfe und Bischöfe West­falens, die zugleich geist­liche Ober­häupter und welt­liche Landes­herren sind. Sie führen eigene Truppen, schließen Bünd­nisse mit welt­lichen Fürsten und vertei­digen ihre Territo­rien not­falls mit Gewalt. Dadurch werden kirch­liche Fürsten­tümer selbst zu poli­tischen Macht­zentren und Konflikt­herden.

Daneben treten städ­tische Führungs­gruppen - Räte, wohl­habende Bürger und Zünfte - als eigen­ständige Akteure auf. Sie versuchen, die Selbst­verwal­tung ihrer Städte zu sichern oder auszu­weiten, was sie in Gegensatz zu geist­lichen und welt­lichen Herren bringt. Solche Aus­ein­ander­setzun­gen führen zu Belage­rungen, Straf­aktionen und zeit­weiligen Macht­verschie­bungen inner­halb der Städte.

Auch niedere Adelige und Ministerialen gewinnen Bedeutung, da sie als Burg­herren, Amts­träger oder Söldner lokale Konflikte anheizen oder ver­schärfen. Durch Seiten­wechsel und persön­liche Feind­schaften können sie größere Fehden auslösen. Witte zeigt damit, dass poli­tische Ent­scheidun­gen oft von einzelnen Personen und ihren Inte­ressen ab­hängen.

Auf kirch­licher Ebene treten außerdem Äbte und Reformgeist­liche hervor, die versuchen, Klöster zu er­neuern und moralische Ord­nung wieder­herzu­stellen. Ihr Wirken steht im Kontrast zur all­gemeinen Gewalt und wird vom Autor aus­drück­lich positiv bewertet.

Insgesamt macht Liber VIII deutlich, dass das historische Geschehen weniger von einem einzelnen Herr­scher als von vielen mit­einander konkurrie­renden Akteu­ren bestimmt wird. Kaiser, Fürsten, Geist­liche und Städte handeln parallel, oft gegen­einander, und prägen gemein­sam eine Epoche dauer­hafter Spannung und Unsicher­heit.



Über Liber IX

Liber IX führt die Darstel­lung weiter in das späte Mittel­alter und zeigt West­falen als einen Raum anhaltender poli­tischer Zersplitterung. Die kaiser­liche Autorität (↗Karl IV.) ist zwar weiterhin vorhanden, spielt aber für den Alltag der Region nur noch eine untergeordnete Rolle. Stattdessen bestimmen lokale Fürsten, Bischöfe, Grafen und Städte zunehmend selbst über Krieg und Frieden.

Der Autor Bernhard Witte schildert zahlreiche Fehden zwischen Adels­häusern, die aus Erb­streitig­keiten, Macht­ansprüchen oder verletz­ter Ehre ent­stehen. Burgen werden belagert oder zer­stört, Dörfer geplün­dert und Felder ver­wüstet. Die Land­bevölke­rung leidet be­sonders unter diesen Aus­ein­anderset­zungen, da sie Abgaben zahlen und zugleich die Folgen von Krieg und Unsicher­heit tragen muss.

Ein zentrales Thema ist der Konflikt zwischen geist­lichen und welt­lichen Herr­schaf­ten. Bischöfe treten weiterhin als Landes­herren auf, führen militä­rische Unter­nehmun­gen und vertei­digen ihre Rechte mit Gewalt. Dadurch geraten kirch­liche Territo­rien immer wieder in offene Aus­ein­ander­setzun­gen mit benach­barten Grafen oder Städten.

Auch die Städte gewinnen weiter an Bedeutung. Sie versuchen, ihre Frei­heiten, ihren Handel und ihre Selbstverwal­tung auszu­bauen, was sie in Gegensatz zu Fürsten und Bischöfen bringt. Witte berichtet von Belage­rungen, Bünd­nissen zwischen Städten und militä­rischem Wider­stand gegen äußere Eingriffe.

Neben poli­tischen Konflikten beschreibt Liber IX auch schwere Krisen wie Hungers­nöte, Seuchen und außer­gewöhn­liche Natur­ereignisse. Diese werden als Zeichen gött­licher Warnung ge­deutet und mit dem morali­schen Zustand der Gesell­schaft in Verbin­dung gebracht.

Unordnung, Gewalt und Habgier er­scheinen dabei als Ur­sachen gött­licher Strafen.

Trotz der allgemeinen Unruhe zeigt Witte auch Versuche der Be­friedung. Einzelne Vermitt­lungen, Verträge und recht­liche Rege­lungen bringen zeitweise Ruhe, bleiben jedoch meist regional begrenzt. Dauer­hafte Stabi­lität stellt sich nicht ein.

Am Ende vermittelt Liber IX das Bild einer Epoche, in der Macht stark zer­splittert ist und Ord­nung nur mühsam aufrecht erhal­ten wird. West­falen erscheint als ein Land, in dem poli­tische Ent­scheidun­gen vor allem durch lokale Inte­ressen und persön­liche Konflikte geprägt sind.

Akteure in Liber IX

Im Hintergrund von Liber IX steht weiterhin der Kaiser, meist noch ↗Karl IV., dessen Autorität jedoch nur selten unmittelbar eingreift. Seine Herr­schaft bildet eher den recht­lichen Rahmen, während konkrete Entscheidungen auf regionaler Ebene fallen. Dadurch verlagert sich das Gewicht des Geschehens deutlich weg vom Reichs­zentrum.

Im Vordergrund stehen welt­liche Fürsten und Grafen West­falens, die durch Erb­ansprüche, Grenz­streitig­keiten und Fehden das poli­tische Geschehen bestimmen. Ihr Handeln löst zahlreiche militä­rische Konflikte aus, in deren Verlauf Burgen zer­stört und Dörfer ver­wüstet werden. Persön­liche Rivali­täten einzel­ner Adliger haben dabei oft größere Folgen als formelle Reichs­politik.

Eine besonders wichtige Rolle spielen die Bischöfe als geist­liche Landes­herren, etwa von Münster, Paderborn oder Osnabrück. Sie treten nicht nur als Seelsorger, sondern als militä­rische und poli­tische Akteure auf. Durch Truppen­aufgebote, Bünd­nisse und Belage­rungen prägen sie aktiv die regionale Macht­balance.

Daneben gewinnen die Städte und ihre Führungsschichten zunehmend an Bedeutung. Stadt­räte und wohl­habende Bürger setzen sich für Selbst­verwal­tung, Handels­freiheit und recht­liche Sicher­heit ein. Ihr Widerstand gegen fürst­liche oder bischöf­liche Eingriffe führt immer wieder zu Belage­rungen oder Straf­aktionen.

Auch niedere Adelige und Ministerialen erscheinen als wichtige Auslöser von Konflikten. Als Burg­herren oder Dienst­leute größerer Fürsten handeln sie oft eigen­ständig und ver­schärfen Fehden durch Über­fälle oder Seiten­wechsel. Ihre Loyalität ist häufig instabil und abhän­gig von persön­li­chem Vorteil.

Auf kirch­licher Ebene treten außerdem Äbte und Reform­geist­liche hervor, die ver­suchen, Klöster zu er­neuern und geist­liche Ord­nung wieder­herzu­stellen. Witte stellt sie als morali­sches Gegen­gewicht zur all­gemeinen Gewalt dar. Ihr Wirken bleibt jedoch meist auf den inner­kirch­lichen Bereich be­schränkt.

Insgesamt zeigt Liber IX, dass historische Entwick­lungen weniger von einzelnen großen Herr­schern als von vielen mit­einander konkurrie­renden Akteu­ren bestimmt werden. Fürsten, Bischöfe, Städte und Adelige handeln parallel und oft gegen­einander. Ihr Zusammen­spiel erzeugt eine Epoche anhalten­der Spannung, in der Ord­nung nur zeit­weise und lokal gelingt.



Über den Anhang

Der umfangreiche Anhang der Druck­ausgabe von 1778 umfasst rund 200 Seiten und be­steht voll­ständig aus Texten von Bernhard Witte, die aus seinem Nach­lass stammen. Diese Texte hatte Witte zwar ver­fasst, aber zu Leb­zeiten (gestorben 1534) nicht mehr in das Haupt­werk einge­arbeitet. Sie er­gänzen die Historia Westphaliae thema­tisch, ohne ihr streng chrono­logi­sches Gerüst fort­zusetzen.

Ein zentraler Bestandteil der Anhänge ist eine ausführ­liche Darstel­lung einzelner regionaler Kriege, insbe­son­dere des Soester und des Münste­rischen Konflikts. Diese Texte sind deut­lich detail­lier­ter als die ent­sprechenden Passagen im Haupt­werk und schildern Ur­sachen, Verlauf und Folgen der Kämpfe aus west­fäli­scher Perspek­tive. Witte legt dabei besonde­ren Wert auf militä­rische Ereig­nisse, Bünd­nisse und Verrat.

Ein weiterer großer Abschnitt ist der Geschich­te des Klosters Liesborn ge­widmet. Hier be­schreibt Witte Gründung, Entwick­lung sowie die Abfolge der Äbte und Äbtissin­nen. Dieser Teil ist stark von persön­licher Nähe geprägt, da Witte selbst Mönch in Liesborn war. Er ent­hält viele institu­tionelle Details, Besitz­fragen und innere Reform­bestrebun­gen des Klosters.

Daneben findet sich eine eigen­ständige Abhand­lung über bedeu­tende Schrift­steller des Benedik­tiner­ordens. Witte ordnet diese Autoren histo­risch ein und würdigt ihre geist­liche und gelehrte Leis­tung. Dieser Ab­schnitt zeigt ihn weniger als Chronis­ten poli­tischer Ereig­nisse, sondern als Ordens­historiker und Gelehr­ten.

Die Anhänge unterscheiden sich stilistisch vom Haupt­werk. Sie sind weniger streng ge­gliedert, teil­weise essay­haft und stärker von persön­licher Wer­tung geprägt. Chrono­logie tritt zu­gunsten thema­tischer Ver­tiefung zurück.

Inhaltlich erweitern die Anhänge das Werk um lokale Detail­geschichte, institutio­nelle Erinne­rung und geist­liche Selbst­verortung. Sie zeigen, welche Themen Witte be­sonders wichtig waren, auch wenn sie nicht mehr in die große Gesamt­darstel­lung einge­passt wurden.

Insgesamt bilden die Anhänge keinen bloßen Zusatz, sondern ein eigen­ständi­ges Ergän­zungs­werk, das Politik-, Kloster- und Ordens­geschichte mit­ein­ander ver­bin­det. Zusammen mit dem Haupt­text geben sie ein deutlich voll­ständi­geres Bild von Wittes historio­graphi­schem Denken und seiner Arbeits­weise.



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