Die Geschichte des Kreises Soest ist in vieler Hinsicht ein Mikrokosmos der westfälischen und deutschen Geschichte insgesamt. Das Kreisgebiet war nie eine homogene Einheit - zu unterschiedlich verliefen die Wege von Soest, Lippstadt, Warstein oder Werl unter ihren verschiedenen Landesherren. Gerade diese Vielschichtigkeit macht den Kreis zu einem historisch besonders interessanten Raum.
Der Kreis Soest liegt im Übergangsgebiet zwischen der norddeutschen Tiefebene und dem westfälischen Mittelgebirge, im Regierungsbezirk Arnsberg in Nordrhein-Westfalen. In seiner heutigen Form ist er eine verhältnismäßig junge Verwaltungseinheit - er entstand erst am 1. Januar 1975 aus dem ehemaligen Kreis Soest und dem Kreis Lippstadt sowie Teilen weiterer Kreise. Doch die Geschichte des Raumes, den er umfasst, reicht weit zurück: Erste Siedlungsspuren lassen sich für die Zeit der „Bandkeramischen Kultur“ (5500-5000 v.Chr.) nachweisen. Kaum eine andere Region Westfalens vereint eine so tief verwurzelte Siedlungsgeschichte mit einem so bewegten politischen Schicksal.
Die natürlichen Bedingungen des Kreisgebiets haben die Besiedlung von jeher begünstigt. Der Hellweg war bereits in der jüngeren Steinzeit eines der wichtigsten Siedlungsgebiete Westfalens. Diese Ost-West-Fernstraße, die den Rhein mit Zentraleuropa verband, schuf optimale Voraussetzungen für Handel und Kontakt zwischen verschiedenen Völkern und Kulturen.
Im Bereich der späteren Stadt Soest trafen die Vorteile des Hellwegs mit einer weiteren wertvollen Ressource zusammen: Salz. Am Ende des 6. Jahrhunderts befanden sich Salzsieder-Werkstätten und möglicherweise auch eine Siedlung auf dem heutigen Stadtgelände. Zwei Fernstraßen kreuzten sich in Soest, die ältere, der Hellweg, verlief in West-Ost-Richtung und verband den Rhein mit Zentraleuropa. Salz war im Frühmittelalter ein strategisches Gut von enormem Wert - als Konservierungsmittel, Zahlungsmittel und Handelsware -, was Soest von Anfang an eine besondere wirtschaftliche Bedeutung verlieh.
Die Römer nutzten die Lippelinie und den Haarweg bei ihrem Vormarsch vom Rhein nach Osten. Nach den Römern kamen Franken und christliche Missionare. Die Lippe blieb durch Jahrhunderte die politische Grenze zwischen den Franken und Sachsen, bis Karl der Große die Sachsen endgültig befriedete und christianisierte.
In der Nachfolge der karolingischen Christianisierung entstanden im späteren Kreisgebiet zahlreiche kirchliche und weltliche Strukturen. In der Nachfolge entstanden kirchliche und weltliche Landesorganisationen, so die Urpfarrei Soest mit der Stammpfarrkirche in Werl und die Urpfarrei Erwitte. Der Hellweg wurde als Etappenstraße des königlichen Hofes ausgebaut, es kam zur Anlage von Königshöfen (Erwitte) und zu weiteren Stadtgründungen: Geseke (793), Belecke (938), Körbeke (978), Bremen (938), Warstein (1072), Rüthen (1180).
Die Stadt Soest selbst wuchs unter dem Einfluss der Kölner Erzbischöfe heran. Unter der Herrschaft der Erzbischöfe von Köln wuchs eine kleine Siedlung auf einem Geländesporn in einiger Entfernung zu den Salzwerkstätten. Die zunächst offene Siedlung erhielt schon im 9. Jahrhundert eine Befestigungsmauer. Diese erste vorstädtische Anlage, die sog. ottonische Stadt, kann bis heute im Straßengrundriss nachgewiesen werden. Kaufleute und Handwerker ließen sich im Schutz dieser befestigten Siedlung nieder. Im 11. Jahrhundert entstand nördlich davon eine Kaufmannssiedlung mit einem ständigen Markt, und im 12. Jahrhundert wurde die Stadt erheblich erweitert - der noch heute erhaltene Wallring markiert diese Ausdehnung bis in die Gegenwart.
Die zweite bedeutende Stadt des heutigen Kreises, Lippstadt, hat ebenfalls alte Wurzeln: Lippstadt, heute größte Stadt im Kreisgebiet, gegründet 1185 durch Bernhard II. zur Lippe, war die erste westfälische Gründungsstadt.
Im 13. und 14. Jahrhundert erlebte der Raum um Soest seine wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. Soest, an der Schnittstelle dreier Fernwege gelegen, war im 13. und 14. Jahrhundert die wirtschaftlich und kultuell bedeutendste Stadt Westfalens. Sie unterhielt als Mitglied der Hanse Handelsbeziehungen bis nach Russland, Schweden und Dänemark.
Die Stadt wurde zur „heimlichen Hauptstadt Westfalens“ - ein Titel, der bis heute gebräuchlich ist. Soest war „Mutterstadt der Deutschen Hanse“ und blieb bis ins späte Mittelalter eine der großen und bedeutenden Städte Deutschlands. Ihre Bedeutung und ihren Reichtum verdankte sie dem Handel entlang des Hellwegs.
Auch Lippstadt partizipierte an dieser wirtschaftlichen Blüte: Seit 1253 durch Verträge mit den Städten Münster, Soest und Dortmund zum Zweiten Westfälischen Städtebund verbunden, trug Lippstadt ebenfalls zur wirtschaftlichen Blüte der Hansezeit bei.
Ein besonders faszinierendes Kapitel dieser Blütezeit ist die Entwicklung des Soester Stadtrechts: Aus der prosperierenden Hansestadt heraus wurde ein eigenständiges Rechtssystem formuliert, das von anderen Städten übernommen wurde. Die erste urkundliche Erwähnung Soests als „Villa Sosat“ und die frühe Entwicklung eines eigenen Stadtsiegels sind Zeugnisse dieser besonderen städtischen Eigenständigkeit.
Das Selbstbewusstsein und die Eigenständigkeit Soests sollten schließlich zu einer der dramatischsten Episoden der westfälischen Stadtgeschichte führen. Mitte des 15. Jahrhunderts waren das Selbstbewusstsein und die Streitbereitschaft so groß, dass man sich vom mächtigen Landesherrn, dem Erzbischof von Köln, lossagte und lieber eigene Wege gehen wollte, inklusive neuem Patronat durch den Herzog von Kleve. Dies führte zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mit europäischem Ausmaß, die als Soester Fehde in die Geschichtsbücher einging und deren Erschütterungen noch den Papst in Rom erreichten.
Die Fehde dauerte von 1444 bis 1449. Trotz der Belagerung durch riesige Söldnerheere aus halb Europa mussten die Kölner schließlich unverrichteter Dinge abziehen - ein militärischer Triumph für Soest. Doch die politischen Folgen waren gravierend. Nach der Soester Fehde (1444-1449), in der sich die Stadt von ihrem Landesherrn lossagte, geriet Soest mit seinem Territorium zunehmend in eine politische und wirtschaftliche Isolation.
Auch Lippstadt blieb von den Folgen der Fehde nicht unberührt: Im Verlauf der Soester Fehde entstand in Lippstadt eine geteilte Landesherrschaft, die sogenannte Samtherrschaft, die bis 1850 anhalten sollte. Diese ungewöhnliche Verfasstheit - in der mehrere Landesherren gleichzeitig regierten - prägte Lippstadt für Jahrhunderte.
Was die Soester Fehde an wirtschaftlicher Stagnation eingeleitet hatte, wurde durch den Dreißigjährigen Krieg vollendet. Im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) führten die Auseinandersetzungen, Plünderungen und Besetzungen die ehemals blühenden Städte im Kreisgebiet in den wirtschaftlichen Niedergang, von dem sie sich erst mit der beginnenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert erholen konnten.
Der Krieg traf die gesamte Region mit voller Wucht. Soest, das ohnehin seit der Fehde wirtschaftlich geschwächte Städtchen, verlor weiter an Bedeutung. Die Bevölkerung dezimierte sich durch Seuchen, Hunger und direkte Kriegsgewalt. Das einstmals mächtige Handelszentrum versank in provinzielle Bedeutungslosigkeit.
Erst der Wiener Kongress von 1815 schuf die Voraussetzungen für eine grundlegende Neuordnung der Verwaltung. Als Europa 1815 als Folge der Französischen Revolution auf dem Wiener Kongress neu geordnet wurde, erhielt Preußen ein um die westfälischen Territorien und Städte erweitertes Staatsgebiet. Dieser Zuwachs Preußens führte zu einer Neuordnung der Verwaltungsstruktur mit der Einrichtung von Kreisen als untere staatliche Verwaltungsebene. Der Regierungsbezirk Arnsberg wurde in 13 landrätliche Kreise eingeteilt; im April 1817 traten die Landräte der neu geschaffenen Kreise Soest und Lippstadt ihren Dienst an.
Mit der preußischen Verwaltung kamen auch neue Impulse für die wirtschaftliche Entwicklung der Region. Neue Verkehrswege verbanden bald die Städte im Kreisgebiet mit den größeren Wirtschaftszentren und führten so zu großem Aufschwung. 1830 wurde der Lippe-Schifffahrtskanal eröffnet, 1850 die Eisenbahnlinie Hamm-Kassel, 1883 die Linie Warstein-Lippstadt. Die Bevölkerung wuchs rasch. Industrie siedelte sich an.
Trotz dieser Aufbruchstimmung konnte Soest den Anschluss an die großen Industriezentren des Ruhrgebiets nicht halten. Während Städte wie Essen und Dortmund im Zuge der Industrialisierung explosionsartig wuchsen, blieb Soest eine beschauliche Kreisstadt - was paradoxerweise zur Erhaltung des mittelalterlichen Stadtbilds beitrug.
Als mit der Kreisordnung von 1886 die Selbstverwaltung der Kreise ausgeweitet und eine kommunale Kreisausschuss-Verwaltung geschaffen wurde, baute man 1888 in Soest an der Osthofenstraße das Kreishaus. Seit über 110 Jahren befindet sich der Sitz der Kreisverwaltung damit am gleichen Ort, wenn auch durch mehrere Erweiterungsbauten stark verändert.
Das frühe 20. Jahrhundert brachte auch für den Kreis Soest die Erschütterungen des Ersten Weltkriegs. Die Region, traditionell landwirtschaftlich geprägt, litt unter den Folgen der Mobilisierung, dem Verlust junger Männer und der wirtschaftlichen Auszehrung der Kriegsjahre.
In der Zwischenkriegszeit erlebte Soest dennoch eine kulturelle Blüte als Zentrum des Westfälischen Expressionismus. Bedeutende Künstler wie Wilhelm Morgner und Otto Modersohn stammten aus der Stadt oder hielten sich dort auf; die Stadt zog auch Emil Nolde, Carl Schmidt-Rottluff und Christian Rohlfs an. Diese künstlerische Tradition machte Soest zu einem überregional beachteten Kulturstandort, weit über seine eigentliche Größe hinaus.
Der Zweite Weltkrieg traf das Kreisgebiet besonders hart. Der Zweite Weltkrieg brachte auch über die Menschen im Kreis Soest großes Unglück. In Soest befand sich ein Durchgangslager des Landesarbeitsamtes, durch das 300.000 Zwangsarbeiter verteilt wurden. Nahezu alle Juden im Kreisgebiet wurden deportiert. In der Stadt Soest wurden durch Fliegerangriffe über 60% der Gebäude, darunter Kirchen und weitere historisch bedeutsame Bausubstanz, zerstört.
Besonders dramatisch war ein Ereignis im Mai 1943: Im Mai 1943 bombardierte die britische Luftwaffe die Staumauer des Möhnesees, die Flutkatastrophe kostete 1.500 Menschen das Leben. Die Operation „Chastise“ der britischen 617. Staffel, die mit speziell entwickelten Rollbomben die Talsperren des Ruhrsystems zerstörte, gehört zu den bekanntesten Luftoperationen des Zweiten Weltkriegs. Die Flut, die durch den Bruch der Möhnetalsperre ausgelöst wurde, verwüstete das Möhnetal und riss im Dunkel der Nacht Dörfer und Menschen mit sich.
Das Kriegsende kam im Frühjahr 1945: Am 1. April 1945 schlossen amerikanische Panzertruppen den „Ruhrkessel“ bei Lippstadt. Die Schließung dieses Kessels bei Lippstadt war ein entscheidender militärischer Schritt bei der Niederwerfung der deutschen Heeresgruppe B unter Generalfeldmarschall Model und bedeutete das faktische Ende des organisierten Widerstands im Westen des Reiches.
Nach dem Kriegsende wurde der Kreis Soest Teil der britischen Besatzungszone. Die Stadt Soest selbst wurde zu einem wichtigen Standort der britischen Rheinarmee (BAOR - British Army of the Rhine), die bis nach der deutschen Wiedervereinigung dort stationiert blieb. Diese jahrzehntelange Präsenz britischer und später auch belgischer Truppen prägte das gesellschaftliche Leben der Region nachhaltig.
In der Nachkriegszeit wurden die zerstörten Teile der Städte wiederaufgebaut. Dabei blieb der historische Kern von Soest - anders als in vielen anderen deutschen Städten - in wesentlichen Teilen erhalten oder wurde behutsam restauriert, was den besonderen Charme der heutigen Altstadt mit ihren Grünsandsteinbauten ausmacht.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stand eine grundlegende Verwaltungsreform auf der Agenda. Die alten Kreisstrukturen galten als ineffizient und zu kleinteilig. Ende der 1960er Jahre kristallisierte sich die Notwendigkeit einer tiefgreifenden Gebiets- und Funktionalreform der öffentlichen Verwaltung heraus. So hatte beispielsweise der Altkreis Soest mit 104 Städten und Gemeinden die höchste Anzahl von Gemeinden in ganz NRW und auch der Kreis Lippstadt bestand aus 60 Städten und Gemeinden.
Der Reformprozess verlief in mehreren Schritten. Bereits am 1. Juli 1969 kam die gemeindliche Neugliederung des Altkreises Soest mit dem „Gesetz zur Neugliederung des Landkreises Soest und von Teilen des Landkreises Beckum“ zum Abschluss. Es entstanden die heutigen Städte und Gemeinden, Soest und Werl, Möhnesee, Ense, Wickede (Ruhr), Welver, Bad Sassendorf und Lippetal.
Die eigentliche Kreisreform entzündete sich an einer zentralen Frage: Zentrale Frage war die nach dem Sitz des neuen Kreises. Das 1973 von der Landesregierung vorgeschlagene Soest verwies auf eine gute infrastrukturelle Anbindung, historische Bedeutung und die hohe Anzahl von Behörden im Stadtgebiet. Lippstadt argumentierte mit der höheren Einwohnerzahl, der angesiedelten Industrie und vor allem mit dem 1969 neu errichteten Verwaltungsgebäude, das genügend Platz für die Kreisverwaltung geboten hätte.
Die Entscheidung fiel zugunsten Soests: Am 9. Juli 1974 wurde das „Münster-Hamm-Gesetz“ verabschiedet und der heutige Kreis Soest wurde aus den Städten und Gemeinden Anröchte, Bad Sassendorf, Ense, Erwitte, Geseke, Lippetal, Lippstadt, Möhnesee, Rüthen, Soest, Warstein, Welver, Werl und Wickede (Ruhr) gebildet.
Der neue Kreis Soest hatte zum 1. Januar 1975 ca. 272.000 Einwohner und wurde von der Landesregierung „als eine für ländliche Zonen fast ideale Konzeption“ beschrieben. Der Kreistag kam erstmalig am 21. Mai 1975 zusammen und wählte den Lippstädter Josef Raulf zum Landrat.
Das Wappen des heutigen Kreises ist gleichsam ein gerafftes Symbol seiner vielschichtigen Geschichte. Das heutige Wappen des Kreises Soest bildet die geschichtliche Entwicklung ab. Es zeigt den Schlüssel der Stadt Soest, das kurkölnische Kreuz und die lippische Rose. Diese drei Elemente vereinen die ehemaligen Landesherrschaften - die erzbischöflich-kölnische Prägung Soests und das lippische Erbe aus dem Altkreis Lippstadt - in einem einzigen Bild.