Das Ruhrgebiet gilt als eine der bedeutendsten Industrieregionen Europas und hat die Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert maßgeblich geprägt. Doch bevor Kohle und Stahl die Landschaft verwandelten, war das Gebiet zwischen Ruhr und Lippe ein agrarisch geprägter Raum, dessen östliche und nördliche Teile zum historischen Westfalen gehörten. Die Geschichte des Ruhrgebiets lässt sich nicht verstehen, ohne diese westfälische Dimension zu berücksichtigen - die mittelalterlichen Handelsstrukturen, die kleinteilige Territorialherrschaft, die konfessionellen Konflikte der frühen Neuzeit und schließlich die explosionsartige Industrialisierung, die all diese älteren Strukturen überformte, aber nie vollständig auslöschte.
Das spätere Ruhrgebiet lag im Mittelalter in einem Raum, der durch extreme territoriale Zersplitterung gekennzeichnet war. Im Norden des Gebiets erstreckte sich der Einflussbereich des Hochstifts Münster, dessen Bischöfe als weltliche Landesherren über weite Teile des Münsterlandes herrschten. Im Süden, jenseits der Ruhr, reichte der Machtbereich des Erzbistums Köln, das im Herzogtum Westfalen - mit Arnsberg als Zentrum - eine bedeutende territoriale Basis besaß.
Zwischen diesen großen geistlichen Fürstentümern existierten zahlreiche kleinere Herrschaften: die Grafschaft Mark, die das mittlere Ruhrgebiet dominierte und deren Hauptstadt Hamm im östlichen Westfalen lag, die Grafschaft Dortmund, die Grafschaft Vest Recklinghausen sowie verschiedene Kloster- und Adelsherrschaften. Diese Zersplitterung sollte noch Jahrhunderte lang nachwirken und erklärt, warum das spätere Ruhrgebiet nie eine einheitliche historische Identität ausbildete.
Die bedeutendste Stadt im westfälischen Ruhrgebiet war im Mittelalter zweifellos Dortmund. Als Reichsstadt - also unmittelbar dem Kaiser unterstellt - besaß Dortmund eine Sonderstellung und war zeitweise eine der größten Städte im deutschen Nordwesten. Dortmund war Gründungsmitglied der Hanse und gehörte zu deren führenden westfälischen Städten. Der Dortmunder Handel erstreckte sich weit über die Region hinaus; die Stadt war ein wichtiger Knotenpunkt im Fernhandel zwischen dem Rheinland, Flandern und den Ostseestädten.
Dortmunds Bedeutung beruhte im Mittelalter nicht auf Kohle, sondern auf Bier und Tuch. Die Stadt war für ihr Exportbier bekannt, das über die Handelsrouten der Hanse bis in den Ostseeraum gelangte - eine merkwürdige historische Kontinuität, wenn man bedenkt, dass Dortmund später auch als Bierstadt des Industriezeitalters bekannt werden sollte.
Die Stadt Soest war früher in Westfalen bedeutend. Soest lag im Einflussbereich der Kölner Erzbischöfe und war eine der wohlhabendsten Städte Westfalens, ebenfalls Hansestadt und Zentrum eines dichten Handelsnetzes. Das Verhältnis zwischen Soest und Köln war jedoch seit dem Hochmittelalter spannungsgeladen. Die Bürger Soests strebten nach städtischer Autonomie und widersetzten sich dem erzbischöflichen Herrschaftsanspruch immer wieder.
Der Konflikt gipfelte in der Soester Fehde (1444-1449), einem der bedeutendsten städtisch-territorialen Konflikte des westfälischen Spätmittelalters. Soest sagte sich vom Erzbischof von Köln los und stellte sich unter den Schutz des Herzogs von Kleve. Obwohl Soest den Krieg letztlich nicht vollständig gewann, gelang es der Stadt, ihre relative Selbstständigkeit zu behaupten. Dieser Konflikt illustriert exemplarisch die Spannung zwischen städtischer Freiheit und geistlicher Landesherrschaft, die für Westfalen so charakteristisch war.
Die Reformation des 16. Jahrhunderts veränderte die konfessionelle Landkarte Westfalens grundlegend und hatte unmittelbare Auswirkungen auf die spätere politische Struktur der Region. Während das Erzbistum Köln und das Hochstift Münster katholisch blieben - zum Teil nach harten inneren Auseinandersetzungen -, nahmen viele weltliche Territorien und Städte den lutherischen oder reformierten Glauben an.
Die Grafschaft Mark, die große Teile des späteren mittleren Ruhrgebiets umfasste, wurde protestantisch. Dortmund, als Reichsstadt, vollzog die Reformation ebenfalls, ebenso wie viele kleinere westfälische Städte. Diese konfessionelle Spaltung zwischen protestantischen Territorien und katholischen Hochstiften sollte das westfälische Geistesleben und die politische Struktur bis weit ins 19. Jahrhundert prägen.
Im Jahr 1609 starb der letzte Herzog von Kleve-Mark ohne männliche Erben. Der daraus entstehende Jülich-Klevische Erbfolgestreit war einer der gefährlichsten Konflikte im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges. Im Xantener Vertrag (1614) wurde die Erbschaft geteilt: Brandenburg erhielt unter anderem die Grafschaft Mark und damit einen erheblichen Teil des späteren westfälischen Ruhrgebiets. Dies war der entscheidende Schritt, der das Ruhrgebiet langfristig in den preußischen Machtbereich brachte.
Der Westfälische Friede (1648) schuf dann jenes konfessionelle Gleichgewicht, das die Region für anderthalb Jahrhunderte stabilisierte, aber auch konservierte. Westfalen blieb ein Mosaik aus protestantischen und katholischen Territorien, preußischen Besitzungen und Hochstiftsterritorien - eine Struktur, die erst durch Napoleon aufgelöst wurde.
Eine entscheidende Voraussetzung für die spätere Industrialisierung war die Existenz von Kohlevorkommen, die im westfälischen Ruhrgebiet bereits in der frühen Neuzeit bekannt waren. In den Tälern der Ruhr, der Emscher und ihrer Nebenflüsse trat Kohle stellenweise an die Oberfläche. Schon im 16. und 17. Jahrhundert gab es einfachen Bergbau - zunächst als Stollenbetrieb an den Hängen der Ruhrtäler. Die gewonnene Kohle wurde auf der Ruhr flussabwärts transportiert und hauptsächlich für Hausbrand und einfache Schmiedefeuer verwendet.
Diese frühe, handwerkliche Montanindustrie war im späteren Maßstab verschwindend gering, aber sie schuf erste institutionelle Strukturen: Bergordnungen, Bergrechtstraditionen und eine kleine Schicht von Bergleuten, die sich vom Bauernstand unterschied. Im Märkischen Sauerland und im Bergischen Land entstanden zudem frühe Eisenverarbeitung und Metallgewerbe - Vorläufer der späteren schwerindustriellen Entwicklung.
Die Revolutionskriege und die napoleonische Neuordnung Europas zerstörten die jahrhundertealte territoriale Struktur Westfalens innerhalb weniger Jahre. Die geistlichen Fürstentümer - Hochstift Münster, Hochstift Paderborn, Herzogtum Westfalen - wurden im Zuge der Säkularisation (1803) aufgelöst. Kurze Zeit später schuf Napoleon das Königreich Westphalen (1807-1813) unter seinem Bruder Jérôme, ein künstlicher Staatsgebilde, das mit dem historischen Westfalen wenig zu tun hatte und hauptsächlich das Ziel verfolgte, die napoleonische Herrschaft in Norddeutschland zu konsolidieren.
Nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft ordnete der Wiener Kongress (1815) die politische Landkarte Westfalens erneut. Preußen erhielt die Provinz Westfalen, die nun erstmals eine einheitliche Verwaltungseinheit bildete. Gleichzeitig wurde die ehemalige rheinische Seite des Ruhrgebiets Teil der Rheinprovinz. Die Ruhr wurde damit zur Verwaltungsgrenze - eine Linie, die zwar politisch neu gezogen war, aber einer viel älteren kulturellen und historischen Grenze entsprach.
Die preußische Verwaltung schuf in den Jahrzehnten nach 1815 wichtige Voraussetzungen für die Industrialisierung. Das Bergrecht wurde modernisiert und vereinheitlicht, was privaten Investitionen in den Bergbau erleichterte. Preußen förderte den Bau von Straßen und - ab den 1840er Jahren - Eisenbahnen, die für die Industrialisierung des Ruhrgebiets entscheidend sein sollten.
Westfälische Beamte und preußische Bürokraten erkannten früh das wirtschaftliche Potenzial der Kohlenvorkommen. Das Oberbergamt Dortmund wurde zur zentralen Behörde für den westfälischen Bergbau und spielte eine wichtige regulative Rolle beim Übergang vom handwerklichen zum industriellen Bergbau.
Die eigentliche Industrialisierung des Ruhrgebiets begann in den 1830er und 1840er Jahren und verlief zunächst entlang der Ruhr selbst, also an der Grenze zwischen Westfalen und dem Rheinland. Die ersten großen Zechen entstanden im Ruhrtal, wo die Kohleflöze relativ nahe an der Oberfläche lagen und der Fluss den Transport erleichterte.
Der entscheidende technologische Durchbruch war die Dampfmaschine, die tiefere Schächte möglich machte und die Kohlemengen, die gefördert werden konnten, vervielfachte. Gleichzeitig entstanden erste Eisenhütten, die die Kohle direkt vor Ort zur Stahl-Erzeugung nutzten. Unternehmen wie Krupp in Essen - damals noch auf der rheinischen Seite - oder die frühen Zechen in Bochum und Dortmund markierten den Beginn des industriellen Zeitalters.
Der Bau der Eisenbahn beschleunigte diese Entwicklung dramatisch. Die Köln-Mindener Eisenbahn (1847) und die Bergisch-Märkische Eisenbahn erschlossen das Ruhrgebiet für den überregionalen Handel und ermöglichten den Massentransport von Kohle und Stahl. Für das westfälische Ruhrgebiet war besonders die Dortmund-Münster-Linie bedeutsam, die die Industrieregion mit dem Münsterland und dem Norden verband.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verlagerte sich der Schwerpunkt des Bergbaus zunehmend nach Norden - in das westfälische Kerngebiet. Der Grund war geologischer Natur: Die Kohleflöze tauchten in nördlicher Richtung immer tiefer unter die Erdoberfläche ab, waren dort aber mächtiger und ertragreicher. Mit verbesserter Pumpen- und Fördertechnik wurde es möglich, diese Tiefbauzechen wirtschaftlich zu betreiben.
Städte wie Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen und Herne wurden nun zu Zentren des Bergbaus. Das westfälische Ruhrgebiet, das bis dahin agrarisch geprägt gewesen war, verwandelte sich innerhalb weniger Jahrzehnte. Dörfer wurden zu Städten, Felder wurden zu Zechengeländen, und die Bevölkerungszahlen explodierten.
Dortmund ist das eindrücklichste Beispiel dieser Transformation. Um 1800 war Dortmund eine bedeutungslose Kleinstadt mit wenigen tausend Einwohnern - der einstige Hanseglanz war längst verblasst. Um 1900 war Dortmund eine Großstadt mit über 140.000 Einwohnern, Zentrum des Bergbaus und der Stahlindustrie und Knotenpunkt eines dichten Eisenbahnnetzes.
Die Industrialisierung erforderte Arbeitskräfte in enormem Ausmaß. Das westfälische Ruhrgebiet konnte diese nicht aus der eigenen Bevölkerung stellen und wurde zur Einwanderungsregion par excellence. Drei große Zuwanderungsströme prägten die Region:
Erstens kamen Arbeiter aus dem ländlichen Westfalen und dem Münsterland - oft Bauernsöhne aus kinderreichen Familien, die keine eigene Scholle erben konnten und in den Zechen ein neues Auskommen suchten. Diese Zuwanderer brachten westfälisch-bäuerliche Traditionen, katholischen Glauben und Mentalitäten mit, die das Ruhrgebiet kulturell prägten.
Zweitens kamen Arbeiter aus den östlichen Provinzen Preußens, insbesondere aus Masuren und Schlesien. Die polnischsprachigen Einwanderer - im Ruhrgebiet oft als „Ruhrpolen“ bezeichnet - wurden zur größten Einwanderergruppe und veränderten die ethnische und kulturelle Zusammensetzung der Region grundlegend. Um 1910 lebten im Ruhrgebiet schätzungsweise 300.000 - 400.000 Menschen polnischer Herkunft. Sie gründeten eigene Vereine, Kirchen und Zeitungen und schufen eine lebendige polnische Subkultur mitten in Westfalen.
Drittens kamen in späteren Jahrzehnten Arbeitsmigranten aus anderen deutschen Regionen sowie - nach dem Zweiten Weltkrieg - aus Südeuropa, insbesondere aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei.
Die physische Verwandlung der westfälischen Ruhrgebietslandschaft war radikal und vollzog sich in historisch kurzer Zeit. Zechen mit ihren charakteristischen Fördertürmen dominierten das Stadtbild. Halden - aufgeschüttete Abraumberge - veränderten die Topographie einer ursprünglich flachen Landschaft. Die Emscher, der nördliche Nebenfluss der Ruhr, wurde zum offenen Abwasserkanal für die Industrie- und Hauswässer der gesamten Region - ein Zustand, der erst im späten 20. Jahrhundert behoben wurde.
Die Städte wuchsen unkontrolliert zusammen. Zwischen Dortmund im Osten und Duisburg im Westen entstand eine nahezu lückenlose Stadtlandschaft, die zu den ersten Metropolregionen Europas gehörte. Westfälische Städte wie Bochum, Gelsenkirchen und Herne verloren ihre historisch gewachsenen Grenzen und gingen in dieser urbanen Masse auf.
Das Wilhelminische Kaiserreich war in vieler Hinsicht ein Ruhrgebiets-Kaiserreich. Die Kohle und der Stahl des Reviers bildeten die materielle Basis für die deutsche Aufrüstung und Industriemacht. Die großen Konzerne - Thyssen, Krupp, Hoesch - wurden zu wirtschaftlichen und politischen Mächten, die über Lobbyismus und persönliche Verbindungen zum Hochadel und zur Regierung erheblichen Einfluss ausübten. Der Rheinisch-Westfälische Kohlen-Syndikat, gegründet 1893, kontrollierte die Kohleproduktion und -preise und war eines der mächtigsten Kartelle der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
Gleichzeitig entstanden aus dem westfälischen Ruhrgebiet heraus starke Strömungen der Arbeiterbewegung. Die Zechen- und Hüttenarbeiter organisierten sich in Gewerkschaften und in der Sozialdemokratie. Große Streiks - wie der Bergarbeiterstreik von 1889 - erschütterten die Region und machten auf die sozialen Spannungen aufmerksam. Das westfälische Ruhrgebiet war ein Zentrum der deutschen Sozialdemokratie, was in merkwürdigem Kontrast zur konservativen, bäuerlich-katholischen Tradition des Münsterlandes stand.
Ein traumatisches Ereignis der frühen Weimarer Republik war die Ruhrbesetzung von 1923, als französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet besetzten, um die ausgebliebenen deutschen Reparationslieferungen zu erzwingen. Die deutsche Regierung rief zum passiven Widerstand auf, und die Bevölkerung des Ruhrgebiets - Arbeiter, Bürger, Unternehmer - schloss sich weitgehend zusammen.
Die Ruhrbesetzung traf das westfälische Ruhrgebiet besonders hart. Dortmund, Bochum und Gelsenkirchen waren Zentren des Widerstands, aber auch des wirtschaftlichen Elends, das die Besetzung mit sich brachte. Die Hyperinflation von 1923 fand ihren unmittelbaren Kontext in der Ruhrbesetzung. Das kollektive Gedächtnis dieses Ereignisses prägte die regionale Identität und stärkte ein Gefühl des Zusammenhalts, das konfessionelle und klassenspezifische Grenzen überbrückte.
Für die Nationalsozialisten war das Ruhrgebiet unverzichtbar. Die Rüstungsindustrie der Region - Stahl, Chemie, Maschinenbau - war die materielle Grundlage der deutschen Aufrüstungspolitik. Die Konzerne des Ruhrgebiets profitierten von den nationalsozialistischen Rüstungsaufträgen und expandierten enorm, nutzten dabei auch Zwangsarbeiter in großem Umfang.
Gleichzeitig war das Ruhrgebiet ein Gebiet, in dem die Nationalsozialisten bei Wahlen unterdurchschnittlich abgeschnitten hatten. Die Arbeiterschaft, traditionell sozialdemokratisch oder kommunistisch, war kein natürliches Reservoir der NSDAP. Die Gleichschaltung der Gewerkschaften und die Unterdrückung der Arbeiterbewegung nach 1933 traf das Ruhrgebiet daher besonders.
Das Ruhrgebiet gehörte zu den am stärksten zerstörten Regionen Deutschlands. Die alliierten Bombenangriffe zielten systematisch auf die Industrieanlagen, aber auch auf die Wohngebiete. Städte wie Dortmund, Bochum und Essen wurden zu großen Teilen zerstört. Die Zerstörung war in den westfälischen Städten des Ruhrgebiets besonders verheerend, da sie dicht besiedelt und gleichzeitig Industriezentren waren.
Der Wiederaufbau nach 1945 war im westfälischen Ruhrgebiet bemerkenswert schnell. Die Industrie - Bergbau, Stahl, Chemie - war so grundlegend für die westdeutsche Wirtschaft, dass sie mit Vorrang wieder aufgebaut wurde. In den 1950er Jahren erlebte das Ruhrgebiet einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung, der Teil des deutschen Wirtschaftswunders war.
Dortmund wurde zu einer der am schnellsten wachsenden Städte Westdeutschlands. Das Bild der westfälischen Ruhrgebietsstadt in den 1950er Jahren war geprägt von dem Nebeneinander von modernem Wiederaufbau und weiterlaufender Schwerindustrie - Fördertürme neben Neubauvierteln.
Ab Mitte der 1950er Jahre zeichnete sich ab, was in den 1960er Jahren zur offenen Kohlekrise wurde. Importkohle aus den USA und anderen Ländern war günstiger als die heimische Ruhrgebiets-Kohle. Gleichzeitig begann Erdöl, die Kohle als Energieträger zu verdrängen. Die Zechen des westfälischen Ruhrgebiets begannen, Arbeitsplätze zu verlieren.
Die Krise traf das westfälische Ruhrgebiet besonders hart, weil es stärker auf den Bergbau ausgerichtet war als die rheinische Seite. Gelsenkirchen, das einst als „Bergbauhauptstadt“ galt, wurde zum Symbol des Strukturwandels. Zeche um Zeche schloss, und mit ihnen verschwanden Tausende von Arbeitsplätzen, die zum Teil seit Generationen von denselben Familien besetzt worden waren.
Die Politik reagierte auf die Krise mit Subventionen und strukturellen Reformen. 1968 wurde die Ruhrkohle AG gegründet, ein Zusammenschluss der meisten Ruhrgebietszechen zu einem einzigen Konzern - ein Versuch, durch Rationalisierung und staatliche Unterstützung den Bergbau wettbewerbsfähiger zu machen. Die Ruhrkohle AG wurde zu einem der größten Bergbau-Unternehmen der Welt, konnte aber den langfristigen Niedergang nur verlangsamen, nicht aufhalten.
Paradoxerweise kam mitten in der Kohlekrise eine neue Welle von Zuwanderung: die Gastarbeiter aus Südeuropa und der Türkei. Viele von ihnen ließen sich im westfälischen Ruhrgebiet nieder - in Dortmund, Bochum, Gelsenkirchen - und prägten die Städte kulturell. Die türkische Einwanderung war im Ruhrgebiet besonders stark, und es entstanden dichte türkisch-stämmige Gemeinschaften, die bis heute die städtische Kultur prägen.
Im Jahr 2018 wurde mit der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop die letzte aktive Steinkohlenzeche im Ruhrgebiet geschlossen - ein historischer Einschnitt. Damit endete eine über 200-jährige Geschichte des industriellen Bergbaus, die das Ruhrgebiet fundamental geprägt hatte. Die Fördertürme, die einst das Stadtbild dominierten, sind heute teilweise unter Denkmalschutz gestellt und zu Wahrzeichen einer industriellen Vergangenheit geworden.
Das westfälische Ruhrgebiet hat eine bemerkenswert starke regionale Identität entwickelt, die auf der industriellen Geschichte beruht. Die Zechenkultur, die Fußballleidenschaft (Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 als rivalisierende Symbole westfälischer Ruhrgebietsidentität), der raue, direkte Umgangston - all das sind Ausdrucksformen einer Identität, die sich von der des ländlichen Westfalens deutlich unterscheidet, aber auch vom Rheinland.
Die Industriekultur ist zum touristischen und kulturellen Kapital geworden. Die Route der Industriekultur erschließt die industriellen Denkmäler der Region. Das Ruhr Museum auf der Zeche Zollverein in Essen - UNESCO-Weltkulturerbe - ist eines der bedeutendsten kulturhistorischen Museen Deutschlands. Das Dortmunder U, ein ehemaliges Brauereigebäude, ist zum Zentrum für Kunst und Kreativwirtschaft umgewidmet worden.
Der wirtschaftliche Strukturwandel ist im westfälischen Ruhrgebiet bis heute nicht vollständig gelungen. Städte wie Gelsenkirchen und Herne gehören zu den Städten mit den höchsten Armutsquoten und höchster Arbeitslosigkeit in Deutschland. Der Verlust von Hunderttausenden industrieller Arbeitsplätze konnte durch Dienstleistungen, Logistik und neue Industrien nur zum Teil kompensiert werden.
Dortmund hat den Wandel vergleichsweise erfolgreicher vollzogen - die Stadt hat eine starke Logistikbranche, einen wachsenden IT-Sektor und mit der Technischen Universität Dortmund eine bedeutende Hochschule, die Impulse für Wissenstransfer und Gründungskultur setzt. Die Geschichte Dortmunds ist insofern symptomatisch für das westfälische Ruhrgebiet: Aus einer mittelalterlichen Hansestadt wurde eine industrielle Großstadt, und aus dieser versucht nun eine postindustrielle Dienstleistungsmetropole zu werden.
Die Geschichte des Ruhrgebiets ist eine Geschichte radikaler Transformationen. Aus einem Mosaik mittelalterlicher Territorien - Grafschaft Mark, Hochstift Münster, Reichsstadt Dortmund - wurde durch die preußische Neuordnung eine Verwaltungseinheit, die dann durch die Industrialisierung in kurzer Zeit zur dichtest besiedelten Industrielandschaft Europas wurde. Die westfälische Dimension des Ruhrgebiets ist dabei nie verschwunden: Die Zuwanderung aus dem Münsterland, die protestantisch-westfälischen Traditionen in Städten wie Dortmund, die Prägung durch den preußischen Verwaltungsstaat - all das machte das westfälische Ruhrgebiet zu etwas anderem als das rheinische.
Heute steht das Ruhrgebiet vor der Aufgabe, das Erbe der Industrie zu bewahren und gleichzeitig neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Formen zu entwickeln. Die Stärke der Region liegt in ihrer Geschichte der Anpassungsfähigkeit: Mehrfach hat das westfälische Ruhrgebiet grundlegende Veränderungen vollzogen, ohne seine Identität vollständig zu verlieren. Das ist vielleicht der eigentliche historische Kern dieser außergewöhnlichen Region.