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Das Ruhrgebiet (westfälischer Teil)

Das Ruhrgebiet gilt als eine der bedeutends­ten Industrie­regio­nen Europas und hat die Ge­schich­te Deutsch­lands im 19. und 20. Jahr­hun­dert maßgeb­lich ge­prägt. Doch bevor Kohle und Stahl die Land­schaft ver­wandel­ten, war das Gebiet zwi­schen Ruhr und Lippe ein agrarisch ge­präg­ter Raum, dessen öst­liche und nörd­liche Teile zum histo­rischen West­falen ge­hörten. Die Ge­schich­te des Ruhr­gebiets lässt sich nicht ver­stehen, ohne diese westfä­lische Dimension zu be­rück­sichti­gen - die mittel­alter­li­chen Handels­struktu­ren, die klein­teilige Territo­rial­herr­schaft, die konfes­sio­nellen Konflik­te der frühen Neu­zeit und schließ­lich die explosions­artige Indus­triali­sie­rung, die all diese älte­ren Struktu­ren über­formte, aber nie voll­ständig aus­löschte.


Mittelalterliche Strukturen

Das spätere Ruhrgebiet lag im Mittel­alter in einem Raum, der durch extreme territo­riale Zer­splitte­rung gekenn­zeich­net war. Im Norden des Gebiets er­streckte sich der Einfluss­bereich des Hoch­stifts Münster, dessen Bischöfe als welt­liche Landes­herren über weite Teile des Münster­landes herrsch­ten. Im Süden, jenseits der Ruhr, reichte der Macht­bereich des Erz­bistums Köln, das im Herzog­tum West­falen - mit Arnsberg als Zentrum - eine be­deuten­de territo­riale Basis besaß.

Zwischen diesen großen geist­li­chen Fürsten­tümern exis­tier­ten zahl­reiche kleine­re Herr­schaf­ten: die Graf­schaft Mark, die das mittlere Ruhr­gebiet domi­nierte und deren Haupt­stadt Hamm im öst­li­chen Westfalen lag, die Graf­schaft Dortmund, die Graf­schaft Vest Reckling­hausen sowie ver­schiede­ne Kloster- und Adels­herr­schaf­ten. Diese Zer­splitte­rung sollte noch Jahr­hun­derte lang nach­wirken und er­klärt, warum das spätere Ruhr­gebiet nie eine ein­heit­liche histo­rische Identi­tät aus­bildete.

Dortmund und die Hanse

Die bedeutendste Stadt im westfälischen Ruhr­gebiet war im Mittel­alter zweifel­los Dortmund. Als Reichs­stadt - also unmittel­bar dem Kaiser unter­stellt - besaß Dort­mund eine Sonder­stel­lung und war zeitweise eine der größ­ten Städte im deut­schen Nord­westen. Dortmund war Gründungs­mitglied der Hanse und ge­hörte zu deren führen­den west­fäli­schen Städten. Der Dort­munder Handel er­streckte sich weit über die Region hinaus; die Stadt war ein wichti­ger Knoten­punkt im Fern­handel zwi­schen dem Rhein­land, Flandern und den Ostsee­städten.

Dortmunds Bedeutung beruhte im Mittel­alter nicht auf Kohle, sondern auf Bier und Tuch. Die Stadt war für ihr Export­bier bekannt, das über die Handels­routen der Hanse bis in den Ostsee­raum ge­langte - eine merk­würdige histo­rische Kontinu­ität, wenn man be­denkt, dass Dort­mund später auch als Bier­stadt des Indus­trie­zeitalters be­kannt werden sollte.

Soest und der Konflikt mit Köln

Die Stadt Soest war früher in West­falen be­deutend. Soest lag im Einfluss­bereich der Kölner Erz­bischöfe und war eine der wohl­habends­ten Städte West­falens, eben­falls Hanse­stadt und Zentrum eines dichten Handels­netzes. Das Ver­hält­nis zwi­schen Soest und Köln war jedoch seit dem Hoch­mittel­alter spannungs­geladen. Die Bürger Soests streb­ten nach städ­ti­scher Autono­mie und wider­setz­ten sich dem erz­bischöf­li­chen Herr­schafts­anspruch immer wieder.

Der Konflikt gipfelte in der Soester Fehde (1444-1449), einem der be­deutends­ten städtisch-territo­ria­len Konflikte des west­fäli­schen Spät­mittel­alters. Soest sagte sich vom Erz­bischof von Köln los und stellte sich unter den Schutz des Herzogs von Kleve. Obwohl Soest den Krieg letzt­lich nicht voll­ständig ge­wann, gelang es der Stadt, ihre rela­tive Selbst­ständig­keit zu be­haup­ten. Dieser Konflikt illus­triert exempla­risch die Spannung zwi­schen städ­ti­scher Frei­heit und geist­li­cher Landesherr­schaft, die für West­falen so charakte­ris­tisch war.


Die Reformation

Die Reformation des 16. Jahr­hun­derts ver­änderte die konfes­sio­nelle Land­karte West­falens grund­legend und hatte un­mittel­bare Aus­wirkun­gen auf die spätere poli­ti­sche Struktur der Region. Während das Erz­bistum Köln und das Hoch­stift Münster katho­lisch blieben - zum Teil nach harten inneren Aus­einander­set­zun­gen -, nahmen viele welt­liche Territo­rien und Städte den lutheri­schen oder refor­mier­ten Glauben an.

Die Grafschaft Mark, die große Teile des späte­ren mittle­ren Ruhr­gebiets um­fasste, wurde protes­tan­tisch. Dortmund, als Reichs­stadt, voll­zog die Reforma­tion eben­falls, ebenso wie viele kleinere west­fäli­sche Städte. Diese konfes­sio­nelle Spal­tung zwi­schen protestan­ti­schen Territo­rien und katholi­schen Hoch­stiften sollte das west­fälische Geistes­leben und die poli­tische Struk­tur bis weit ins 19. Jahr­hun­dert prägen.

Brandenburgischer Einfluss

Im Jahr 1609 starb der letzte Herzog von Kleve-Mark ohne männ­liche Erben. Der daraus ent­stehende Jülich-Klevische Erbfolge­streit war einer der gefähr­lichs­ten Konflikte im Vor­feld des Dreißig­jähri­gen Krieges. Im Xantener Vertrag (1614) wurde die Erb­schaft ge­teilt: Branden­burg er­hielt unter anderem die Graf­schaft Mark und damit einen erheb­li­chen Teil des späteren west­fäli­schen Ruhr­gebiets. Dies war der ent­scheiden­de Schritt, der das Ruhr­gebiet lang­fristig in den preußi­schen Macht­bereich brachte.

Der Westfälische Friede (1648) schuf dann jenes konfes­sio­nelle Gleich­gewicht, das die Region für andert­halb Jahr­hun­derte stabi­li­sierte, aber auch konser­vierte. Westfalen blieb ein Mosaik aus protes­tan­ti­schen und katholi­schen Territo­rien, preußi­schen Besit­zun­gen und Hoch­stifts­territo­rien - eine Struktur, die erst durch Napoleon auf­gelöst wurde.

Die frühe Montanindustrie

Eine entscheidende Voraus­set­zung für die spätere Indus­triali­sie­rung war die Existenz von Kohle­vorkommen, die im west­fäli­schen Ruhr­gebiet bereits in der frühen Neu­zeit be­kannt waren. In den Tälern der Ruhr, der Emscher und ihrer Neben­flüsse trat Kohle stellen­weise an die Ober­fläche. Schon im 16. und 17. Jahr­hun­dert gab es ein­fachen Berg­bau - zunächst als Stollen­betrieb an den Hängen der Ruhr­täler. Die ge­wonne­ne Kohle wurde auf der Ruhr fluss­abwärts trans­portiert und haupt­säch­lich für Haus­brand und einfache Schmiede­feuer ver­wendet.

Diese frühe, handwerkliche Montan­indus­trie war im späte­ren Maß­stab ver­schwin­dend ge­ring, aber sie schuf erste institu­tio­nelle Struk­turen: Berg­ordnun­gen, Berg­rechts­tradi­tio­nen und eine kleine Schicht von Berg­leuten, die sich vom Bauern­stand unter­schied. Im Märkischen Sauer­land und im Bergi­schen Land ent­standen zudem frühe Eisen­verarbei­tung und Metall­gewerbe - Vorläu­fer der späte­ren schwer­industriel­len Ent­wick­lung.


Die napoleonische Zeit

Die Revolutionskriege und die napoleoni­sche Neu­ordnung Europas zer­stör­ten die jahr­hunderte­alte territo­riale Struk­tur West­falens inner­halb weniger Jahre. Die geist­li­chen Fürsten­tümer - Hochstift Münster, Hochstift Pader­born, Herzog­tum West­falen - wurden im Zuge der Säkulari­sa­tion (1803) aufgelöst. Kurze Zeit später schuf Napoleon das König­reich West­phalen (1807-1813) unter seinem Bruder Jérôme, ein künst­li­cher Staats­gebilde, das mit dem histo­rischen West­falen wenig zu tun hatte und hauptsäch­lich das Ziel ver­folgte, die napoleoni­sche Herr­schaft in Nord­deutschland zu konsoli­dieren.

Nach dem Ende der napoleonischen Herr­schaft ordnete der Wiener Kongress (1815) die poli­tische Land­karte West­falens er­neut. Preußen er­hielt die Provinz Westfalen, die nun erst­mals eine einheit­liche Ver­waltungs­ein­heit bildete. Gleich­zeitig wurde die ehema­lige rheini­sche Seite des Ruhr­gebiets Teil der Rhein­provinz. Die Ruhr wurde damit zur Ver­waltungs­grenze - eine Linie, die zwar poli­tisch neu ge­zogen war, aber einer viel älte­ren kultu­rel­len und histori­schen Grenze ent­sprach.

Preußische Verwaltung

Die preußische Verwaltung schuf in den Jahr­zehn­ten nach 1815 wichtige Voraus­set­zun­gen für die Indus­triali­sie­rung. Das Bergrecht wurde moderni­siert und ver­einheit­licht, was priva­ten Investi­tio­nen in den Bergbau er­leichter­te. Preußen förderte den Bau von Straßen und - ab den 1840er Jah­ren - Eisen­bahnen, die für die Indus­trialisie­rung des Ruhr­gebiets ent­schei­dend sein soll­ten.

Westfälische Beamte und preußische Bürokraten er­kann­ten früh das wirt­schaft­liche Poten­zial der Kohlen­vorkommen. Das Ober­bergamt Dort­mund wurde zur zentra­len Behörde für den west­fäli­schen Bergbau und spielte eine wichti­ge regula­tive Rolle beim Über­gang vom hand­werk­li­chen zum indus­triel­len Berg­bau.


Industrialisierung

Die erste Phase: Kohle und Ruhr (1830-1870)

Die eigentliche Industrialisie­rung des Ruhr­gebiets begann in den 1830er und 1840er Jah­ren und ver­lief zunächst ent­lang der Ruhr selbst, also an der Grenze zwi­schen West­falen und dem Rhein­land. Die ersten großen Zechen ent­standen im Ruhr­tal, wo die Kohle­flöze relativ nahe an der Ober­fläche lagen und der Fluss den Trans­port er­leichter­te.

Der entscheidende technolo­gische Durch­bruch war die Dampf­maschine, die tiefere Schächte mög­lich machte und die Kohle­mengen, die ge­fördert werden konnten, verviel­fachte. Gleich­zeitig ent­standen erste Eisen­hütten, die die Kohle direkt vor Ort zur Stahl-Erzeu­gung nutz­ten. Unter­neh­men wie Krupp in Essen - damals noch auf der rheini­schen Seite - oder die frühen Zechen in Bochum und Dort­mund markier­ten den Beginn des indus­triel­len Zeit­alters.

Der Bau der Eisenbahn beschleunigte diese Entwick­lung dramatisch. Die Köln-Mindener Eisen­bahn (1847) und die Bergisch-Märkische Eisen­bahn erschlos­sen das Ruhr­gebiet für den über­regio­nalen Handel und er­möglich­ten den Massen­transport von Kohle und Stahl. Für das west­fäli­sche Ruhr­gebiet war beson­ders die Dortmund-Münster-Linie bedeut­sam, die die Indus­trie­region mit dem Münster­land und dem Norden ver­band.

Verlagerung nach Norden

In der zweiten Hälfte des 19. Jahr­hun­derts ver­lagerte sich der Schwer­punkt des Berg­baus zu­nehmend nach Norden - in das west­fäli­sche Kern­gebiet. Der Grund war geo­logi­scher Natur: Die Kohle­flöze tauchten in nörd­li­cher Rich­tung immer tiefer unter die Erd­ober­fläche ab, waren dort aber mächti­ger und ertrag­reicher. Mit ver­besser­ter Pumpen- und Förder­technik wurde es mög­lich, diese Tiefbau­zechen wirt­schaft­lich zu be­trei­ben.

Städte wie Dortmund, Bochum, Gelsen­kirchen und Herne wurden nun zu Zentren des Berg­baus. Das west­fäli­sche Ruhr­gebiet, das bis dahin agrarisch ge­prägt ge­wesen war, verwan­delte sich inner­halb weniger Jahr­zehnte. Dörfer wurden zu Städten, Felder wurden zu Zechen­geländen, und die Be­völke­rungs­zahlen explo­dier­ten.

Dortmund ist das eindrück­lichs­te Bei­spiel dieser Trans­forma­tion. Um 1800 war Dortmund eine be­deutungs­lose Klein­stadt mit wenigen tausend Einwoh­nern - der einstige Hanse­glanz war längst ver­blasst. Um 1900 war Dort­mund eine Groß­stadt mit über 140.000 Ein­woh­nern, Zentrum des Berg­baus und der Stahl­industrie und Knoten­punkt eines dichten Eisen­bahn­netzes.

Zuwanderung und Arbeitergesellschaft

Die Industrialisierung erforderte Arbeits­kräfte in enormem Ausmaß. Das westfäli­sche Ruhr­gebiet konnte diese nicht aus der eige­nen Be­völke­rung stellen und wurde zur Einwande­rungs­region par excellence. Drei große Zu­wande­rungs­ströme präg­ten die Region:

Erstens kamen Arbeiter aus dem länd­li­chen Westfalen und dem Münsterland - oft Bauern­söhne aus kinder­reichen Fami­lien, die keine eigene Scholle erben konn­ten und in den Zechen ein neues Aus­kommen such­ten. Diese Zu­wande­rer brachten west­fälisch-bäuer­liche Tradi­tio­nen, katholi­schen Glauben und Mentali­tä­ten mit, die das Ruhr­gebiet kultu­rell präg­ten.

Zweitens kamen Arbeiter aus den öst­li­chen Provinzen Preußens, insbe­son­dere aus Masuren und Schlesien. Die polnisch­sprachigen Ein­wande­rer - im Ruhr­gebiet oft als „Ruhrpolen“ be­zeich­net - wurden zur größ­ten Ein­wanderer­gruppe und ver­änder­ten die ethnische und kultu­relle Zu­sammenset­zung der Region grund­legend. Um 1910 lebten im Ruhr­gebiet schätzungs­weise 300.000 - 400.000 Men­schen polni­scher Her­kunft. Sie gründe­ten eigene Vereine, Kirchen und Zei­tun­gen und schufen eine lebendi­ge polni­sche Sub­kultur mitten in West­falen.

Drittens kamen in späteren Jahrzehn­ten Arbeits­migranten aus anderen deut­schen Regionen sowie - nach dem Zweiten Welt­krieg - aus Süd­europa, insbe­son­dere aus Italien, Spanien, Griechen­land und der Türkei.

Strukturwandel

Die physische Verwandlung der west­fäli­schen Ruhr­gebiets­land­schaft war radikal und voll­zog sich in histo­risch kurzer Zeit. Zechen mit ihren charakte­ris­ti­schen Förder­türmen domi­nier­ten das Stadtbild. Halden - aufge­schüttete Abraum­berge - verän­der­ten die Topo­graphie einer ur­sprüng­lich flachen Land­schaft. Die Emscher, der nörd­liche Neben­fluss der Ruhr, wurde zum offenen Ab­wasser­kanal für die Industrie- und Haus­wässer der gesam­ten Region - ein Zustand, der erst im späten 20. Jahr­hun­dert be­hoben wurde.

Die Städte wuchsen unkontrolliert zu­sammen. Zwischen Dort­mund im Osten und Duisburg im Westen ent­stand eine nahezu lücken­lose Stadt­land­schaft, die zu den ersten Metropol­regionen Europas ge­hörte. Westfäli­sche Städte wie Bochum, Gelsen­kirchen und Herne ver­loren ihre histo­risch ge­wachse­nen Grenzen und gingen in dieser urbanen Masse auf.


Das Ruhrgebiet im Kaiserreich

Das Wilhelminische Kaiserreich war in vieler Hin­sicht ein Ruhr­gebiets-Kaiser­reich. Die Kohle und der Stahl des Reviers bilde­ten die materiel­le Basis für die deut­sche Aufrüs­tung und Indus­trie­macht. Die großen Konzerne - Thyssen, Krupp, Hoesch - wurden zu wirt­schaft­li­chen und poli­ti­schen Mächten, die über Lobbyis­mus und persön­liche Ver­bindun­gen zum Hoch­adel und zur Regie­rung erheb­li­chen Einfluss aus­übten. Der Rheinisch-Westfäli­sche Kohlen-Syndikat, gegrün­det 1893, kontrol­lierte die Kohleproduk­tion und -preise und war eines der mächtigs­ten Kartelle der deut­schen Wirt­schafts­geschich­te.

Gleichzeitig entstanden aus dem westfäli­schen Ruhr­gebiet heraus starke Strö­mun­gen der Arbeiter­bewegung. Die Zechen- und Hütten­arbeiter organi­sier­ten sich in Gewerk­schaf­ten und in der Sozial­demokratie. Große Streiks - wie der Berg­arbeiter­streik von 1889 - erschüt­ter­ten die Region und mach­ten auf die sozia­len Spannun­gen auf­merk­sam. Das westfä­lische Ruhr­gebiet war ein Zentrum der deut­schen Sozial­demokra­tie, was in merk­würdigem Kontrast zur konserva­tiven, bäuerlich-katholi­schen Tradi­tion des Münster­landes stand.

Die Ruhrbesetzung (1923)

Ein traumatisches Ereignis der frühen Weimarer Republik war die Ruhr­beset­zung von 1923, als französi­sche und belgi­sche Truppen das Ruhr­gebiet be­setzten, um die aus­gebliebe­nen deut­schen Reparations­liefe­run­gen zu er­zwin­gen. Die deut­sche Regie­rung rief zum passi­ven Wider­stand auf, und die Be­völke­rung des Ruhr­gebiets - Arbeiter, Bürger, Unter­nehmer - schloss sich weit­gehend zu­sammen.

Die Ruhrbesetzung traf das westfäli­sche Ruhr­gebiet beson­ders hart. Dortmund, Bochum und Gelsen­kirchen waren Zentren des Wider­stands, aber auch des wirt­schaft­li­chen Elends, das die Beset­zung mit sich brachte. Die Hyper­inflation von 1923 fand ihren un­mittel­baren Kontext in der Ruhr­besetzung. Das kollek­tive Gedächt­nis dieses Ereig­nisses prägte die regio­nale Identität und stärkte ein Gefühl des Zu­sammen­halts, das konfes­sio­nelle und klassen­spezifi­sche Grenzen über­brückte.


Das Ruhrgebiet im Dritten Reich

Für die Nationalsozialisten war das Ruhr­gebiet un­verzicht­bar. Die Rüstungs­industrie der Region - Stahl, Chemie, Maschinen­bau - war die materiel­le Grund­lage der deut­schen Auf­rüstungs­poli­tik. Die Konzerne des Ruhr­gebiets profi­tier­ten von den national­sozialis­ti­schen Rüstungs­aufträ­gen und expandier­ten enorm, nutz­ten dabei auch Zwangs­arbeiter in großem Umfang.

Gleichzeitig war das Ruhrgebiet ein Gebiet, in dem die National­sozialis­ten bei Wahlen unter­durchschnitt­lich abge­schnit­ten hat­ten. Die Arbeiter­schaft, traditio­nell sozial­demokra­tisch oder kommunis­tisch, war kein natür­li­ches Reservoir der NSDAP. Die Gleich­schal­tung der Gewerk­schaf­ten und die Unter­drückung der Arbeiter­bewe­gung nach 1933 traf das Ruhr­gebiet daher beson­ders.

Kriegszerstörung

Das Ruhrgebiet gehörte zu den am stärksten zer­stör­ten Regio­nen Deutsch­lands. Die alliierten Bomben­angriffe ziel­ten systema­tisch auf die Industrie­anlagen, aber auch auf die Wohn­gebiete. Städte wie Dort­mund, Bochum und Essen wurden zu großen Teilen zer­stört. Die Zerstö­rung war in den west­fäli­schen Städten des Ruhr­gebiets beson­ders ver­heerend, da sie dicht be­siedelt und gleich­zeitig Indus­trie­zentren waren.

Wiederaufbau und Wirtschaftswunder

Der Wiederaufbau nach 1945 war im westfäli­schen Ruhr­gebiet be­merkens­wert schnell. Die Industrie - Bergbau, Stahl, Chemie - war so grund­legend für die westdeut­sche Wirt­schaft, dass sie mit Vor­rang wieder auf­ge­baut wurde. In den 1950er Jah­ren er­lebte das Ruhr­gebiet einen neuen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung, der Teil des deut­schen Wirt­schafts­wunders war.

Dortmund wurde zu einer der am schnells­ten wachsen­den Städte West­deutsch­lands. Das Bild der westfäli­schen Ruhr­gebiets­stadt in den 1950er Jah­ren war ge­prägt von dem Neben­einander von moder­nem Wieder­aufbau und weiter­laufen­der Schwer­industrie - Förder­türme neben Neubau­vierteln.


Der Strukturwandel seit den 1960er Jahren

Die Kohlekrise

Ab Mitte der 1950er Jahre zeichnete sich ab, was in den 1960er Jah­ren zur offenen Kohle­krise wurde. Import­kohle aus den USA und anderen Ländern war günsti­ger als die heimi­sche Ruhr­gebiets-Kohle. Gleich­zeitig begann Erdöl, die Kohle als Energie­träger zu ver­drän­gen. Die Zechen des west­fäli­schen Ruhr­gebiets be­gannen, Arbeits­plätze zu ver­lieren.

Die Krise traf das westfälische Ruhrgebiet beson­ders hart, weil es stärker auf den Berg­bau aus­ge­rich­tet war als die rheini­sche Seite. Gelsen­kirchen, das einst als „Bergbau­hauptstadt“ galt, wurde zum Symbol des Struktur­wandels. Zeche um Zeche schloss, und mit ihnen ver­schwan­den Tausende von Arbeits­plätzen, die zum Teil seit Genera­tio­nen von den­selben Familien be­setzt worden waren.

Sozialpolitische Reaktionen und der Ruhrkohle-Verbund

Die Politik reagierte auf die Krise mit Subven­tio­nen und struktu­rel­len Re­formen. 1968 wurde die Ruhr­kohle AG gegrün­det, ein Zu­sammen­schluss der meisten Ruhr­gebiets­zechen zu einem einzi­gen Konzern - ein Versuch, durch Rationa­li­sie­rung und staat­liche Unter­stüt­zung den Berg­bau wett­bewerbs­fähi­ger zu machen. Die Ruhrkohle AG wurde zu einem der größ­ten Bergbau-Unter­nehmen der Welt, konnte aber den lang­fristi­gen Nieder­gang nur ver­lang­samen, nicht auf­halten.

Gastarbeiter

Paradoxerweise kam mitten in der Kohlekrise eine neue Welle von Zu­wande­rung: die Gast­arbeiter aus Süd­europa und der Türkei. Viele von ihnen ließen sich im west­fäli­schen Ruhr­gebiet nieder - in Dort­mund, Bochum, Gelsen­kirchen - und prägten die Städte kultu­rell. Die türkische Ein­wande­rung war im Ruhr­gebiet beson­ders stark, und es ent­standen dichte türkisch-stämmige Ge­mein­schaften, die bis heute die städ­tische Kultur prägen.


Das Ende des Bergbaus

Im Jahr 2018 wurde mit der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop die letzte aktive Stein­kohlen­zeche im Ruhr­gebiet ge­schlos­sen - ein histo­rischer Ein­schnitt. Damit endete eine über 200-jährige Ge­schichte des indus­triel­len Berg­baus, die das Ruhr­gebiet funda­mental ge­prägt hatte. Die Förder­türme, die einst das Stadt­bild dominier­ten, sind heute teil­weise unter Denkmal­schutz ge­stellt und zu Wahr­zeichen einer indus­triel­len Ver­gangen­heit ge­worden.

Kulturelles Erbe und Identität

Das westfälische Ruhrgebiet hat eine be­merkens­wert starke regio­nale Identi­tät ent­wickelt, die auf der indus­triel­len Ge­schich­te beruht. Die Zechen­kultur, die Fußball­leiden­schaft (Borussia Dortmund und der FC Schalke 04 als rivali­sieren­de Symbole westfä­li­scher Ruhr­gebiets­identität), der raue, direkte Umgangs­ton - all das sind Aus­drucks­formen einer Identi­tät, die sich von der des länd­li­chen Westfalens deut­lich unter­scheidet, aber auch vom Rhein­land.

Die Industriekultur ist zum touris­ti­schen und kulturel­len Kapital ge­worden. Die Route der Indus­trie­kultur er­schließt die indus­triel­len Denk­mäler der Region. Das Ruhr Museum auf der Zeche Zoll­verein in Essen - UNESCO-Weltkultur­erbe - ist eines der be­deutends­ten kultur­histo­rischen Museen Deutsch­lands. Das Dortmunder U, ein ehemali­ges Brauerei­gebäude, ist zum Zentrum für Kunst und Kreativ­wirt­schaft umge­wid­met worden.

Der schwierige Weg des Strukturwandels

Der wirtschaftliche Struktur­wandel ist im westfäli­schen Ruhr­gebiet bis heute nicht voll­ständig ge­lungen. Städte wie Gelsen­kirchen und Herne ge­hören zu den Städten mit den höchs­ten Armuts­quoten und höchs­ter Arbeits­losig­keit in Deutsch­land. Der Ver­lust von Hundert­tausen­den indus­triel­ler Arbeits­plätze konnte durch Dienst­leistun­gen, Logistik und neue Indus­trien nur zum Teil kompen­siert werden.

Dortmund hat den Wandel vergleichs­weise er­folg­reicher voll­zogen - die Stadt hat eine starke Logistik­branche, einen wachsen­den IT-Sektor und mit der Tech­nischen Uni­versität Dort­mund eine be­deuten­de Hoch­schule, die Impulse für Wissens­transfer und Gründungs­kultur setzt. Die Ge­schichte Dort­munds ist insofern symptoma­tisch für das westfä­lische Ruhr­gebiet: Aus einer mittel­alter­li­chen Hanse­stadt wurde eine indus­trielle Groß­stadt, und aus dieser ver­sucht nun eine post­industriel­le Dienst­leistungs­metropole zu werden.


Fazit

Die Geschichte des Ruhr­gebiets ist eine Ge­schichte radika­ler Trans­formatio­nen. Aus einem Mosaik mittel­alter­li­cher Territo­rien - Graf­schaft Mark, Hochstift Münster, Reichs­stadt Dortmund - wurde durch die preußi­sche Neu­ordnung eine Ver­waltungs­einheit, die dann durch die Indus­trialisie­rung in kurzer Zeit zur dichtest be­siedel­ten Indus­trieland­schaft Europas wurde. Die west­fäli­sche Dimension des Ruhr­gebiets ist dabei nie ver­schwun­den: Die Zuwande­rung aus dem Münster­land, die protestan­tisch-westfäli­schen Tradi­tio­nen in Städten wie Dort­mund, die Prä­gung durch den preußi­schen Ver­waltungs­staat - all das machte das west­fäli­sche Ruhr­gebiet zu etwas ande­rem als das rheini­sche.

Heute steht das Ruhrgebiet vor der Auf­gabe, das Erbe der Indus­trie zu be­wah­ren und gleich­zeitig neue wirt­schaft­liche und gesell­schaft­liche Formen zu ent­wickeln. Die Stärke der Region liegt in ihrer Ge­schich­te der An­passungs­fähig­keit: Mehr­fach hat das west­fäli­sche Ruhr­gebiet grund­legende Ver­ände­run­gen voll­zogen, ohne seine Identi­tät voll­ständig zu ver­lieren. Das ist viel­leicht der eigent­liche histori­sche Kern dieser außer­gewöhn­li­chen Region.

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